Zwei äußerst aktive preußisch-schlesische Dörfer. Auszeichnungen für die Pflege von Traditionen, starke generationenübergreifende Bindungen und die Sorge um das lokale Kulturerbe. Deutsche Partner, frühere Studienreisen nach Deutschland, gemeinsame Erfahrungen. Und doch bezeichnen die Nachfahren ehemaliger preußischer Bürger ihr eigenes Erbe nicht mehr als deutsch.

Die vom deutschen Konsulat in Oppeln und dem Marschallamt organisierteKonferenz „Dorfentwicklung – bewährte Praktiken aus Polen und Deutschland“ inKandrzin – Cosel sollte in erster Linie ein Treffen sein, das sich mit der Lagedes heutigen Dorfes befasste. Es wurden erfolgreiche Projekte von beiden Seitender Grenze vorgestellt, Erfahrungen verglichen und darüber nachgedacht, wie dieAbwanderung gestoppt, der historische Charakter der Ortschaften bewahrt und dieEinwohner in das Leben der lokalen Gemeinschaften eingebunden werden können.
Von deutscher Seite präsentierten sich unter anderem der GemeindeverbandHofheimer Land sowie Vertreter aus Sachsen. Es wurde über Leerstand, dieAlterung des Gebäudebestands, die Notwendigkeit, neue Einwohner anzuziehen undBegegnungsorte zu schaffen, gesprochen. Es wurden Beispiele für kleineDorfläden, lokale Cafés, Jugendparlamente oder Programme zur Unterstützung vonFamilien und neuen Einwohnern vorgestellt.
Auf polnischer Seite wurden Erfahrungen aus der Dorferneuerung um Oppelnvorgestellt. Es wurde über starke soziale Bindungen, die Bedeutung lokalerFührungskräfte, das kulinarische und kulturelle Erbe, Regionalkammern,Wandmalereien und von den Einwohnern selbst ins Leben gerufene Initiativengesprochen.
Und tatsächlich konnte man den Eindruck gewinnen, dass beide Seiteneinander viel zu sagen haben. In den 1990er Jahren war Deutschland für dieKommunalverwaltungen in Oppeln ein wichtiger Bezugspunkt. Vertreter derGemeinden unternahmen Studienreisen, besichtigten deutsche Ortschaften,beobachteten die Raumordnung, die Organisation des lokalen Lebens sowie dieFunktionsweise von Geschäften, Restaurants und der sozialen Infrastruktur. Sielernten, wie man eine Politik zur Entwicklung des ländlichen Raums betreibt undwie man die Einwohner einbindet.
Die deutsche Inspiration hatte also nicht nur familiären odergesellschaftlichen Charakter. Sie war auch institutioneller Natur. Sie schufKontakte, Partnerschaften und Vertrauen.
Und genau deshalb waren die beiden während der Konferenz vorgestelltenBeispiele aus Schlesien so interessant.
Salesche gewann den Wettbewerb „Piękna Wieś Opolska 2025“ (Schönes Dorf im OppelnerLand 2025). Gewürdigt wurden unter anderem die Pflege lokalerTraditionen, das Verlegen von Blumenteppichen für die Fronleichnamsprozession,die Sorge um die lokale Identität und das Engagement der Einwohner für dieEntwicklung des Ortes.
Eines der Symbole dieser Aktivität ist das Regionalmuseum „Auf den Spurender Vergangenheit“. Seine Gründer beziehen sich bewusst auf die preußischeGeschichte des Ortes und die Bindungen, die die nachfolgenden Generationenmiteinander verbinden.
Ein ähnliches Bild zeichnete sich auch bei der Präsentation von Grodiskoab. Auch dort wurden die Bedeutung lokaler, preußischer Traditionen, derGemeinschaft, des generationsübergreifenden Gedächtnisses und des Engagementsder Einwohner besonders stark hervorgehoben. Vertreter des Ortes traten inregionalen Trachten auf und sprachen Schlesisch.
Es gibt kaum bessere Beispiele für Ortschaften, die ihre Zukunft bewusstauf ihren eigenen Wurzeln aufbauen.
Und genau hier beginnt das Problem.
Die lokale Kultur beider Orte ist über Jahrhunderte hinweg aus derhabsburgischen und später vor allem aus der preußischen und deutschen Realitätgewachsen. Und doch tauchte das Deutsche während der Konferenz überhaupt nichtals Kategorie auf, die diese lokale Identität beschreibt. Das war dasAuffälligste. Umso mehr, als auf der anderen Seite des Tisches Vertreterdeutscher Kommunalverwaltungen saßen. Man kann sich kaum eine natürlichereGelegenheit vorstellen, um zu sagen: Unsere Orte verbindet nicht nur eineheutige Partnerschaft, sondern auch ein Teil gemeinsamer Geschichte undgemeinsamen Erbes. Das kam kein einziges Mal zur Sprache.
Dabei war gerade der ländliche Raum um Oppeln einst der Ort, an dem sichdie deutsche Minderheit am stärksten herausbildete. Hier weinten die Menschenbei den ersten deutschsprachigen Messen echte, unverfälschte Tränen des Glücks.Hier entstanden in einer Atmosphäre der Euphorie DFK-Kreise, und die Menschenwollten nach Jahrzehnten des Schweigens endlich öffentlich sagen, womit siesich identifizieren.
Zur Unterstützung der Aktivitäten der deutschen Minderheit stellte dieRegierung der Bundesrepublik Deutschland über die folgenden Jahrzehnte hinwegDutzende Millionen Euro bereit. Das Ziel dieser Gelder war schließlich nicht nurdie Finanzierung weiterer Veranstaltungen. Sie sollten der Erhaltung derdeutschen Sprache, Kultur und Identität dienen.
In Salesche hingegen hat die deutsche Minderheit praktischaufgehört, als sichtbare Kraft des lokalen Lebens zu existieren. Und geradedort zeigt sich das Paradoxon besonders deutlich. Die Einwohner pflegen mitgroßem Engagement die preußische Geschichte ihres Ortes. Die Gemeinde mietetvom SKGD dessen ehemaligen Vereinsraum und richtet darin ein Heimatmuseum ein,das der lokalen, preußischen Vergangenheit gewidmet ist.
Die preußische Erinnerung ist also in bester Verfassung. Die Organisationder deutschen Minderheit hingegen nicht.
Dies lässt sich nicht mit mangelnder gesellschaftlicher Aktivität erklären.Die Einheimischen sind in der Lage, Geld zu beschaffen, Veranstaltungen zuorganisieren, die Einwohner zu mobilisieren und attraktive Projekte zuentwickeln. Trotz der Möglichkeit, auch deutsche Bundesmittel in Anspruch zunehmen, ist jedoch kein größeres Interesse an einer Zusammenarbeit mit dem SKGDzu erkennen.
In Grodisko sieht es kaum besser aus. Aus Äußerungen während der Konferenzging hervor, dass dort eine Gruppe von etwa zwanzig Personen mit dem TSKNverbunden ist. Dabei wurde erwähnt, dass die SKGD -Zentrale ihren Mitgliedernzumindest einen Teil der Weihnachtspakete finanziert, deren Wert die Höhe desjährlichen Mitgliedsbeitrags um ein Vielfaches übersteigen soll. Sollte diesjedoch tatsächlich der Fall sein, ergibt sich ein recht merkwürdiges Bild derMitgliedschaft: Man zahlt einen Beitrag und erhält im Gegenzug von derOrganisation eine Leistung, die mehr wert ist als der Beitrag selbst. DieRichtigkeit dieser Information konnte nicht überprüft werden.
Wichtiger ist jedoch etwas anderes. Nach Ansicht von Vertretern derGemeinde Grodisko spielt die deutsche Minderheit heute keine wesentliche Rolleim Leben dieser äußerst aktiven Ortschaft.
Und genau in diesem Moment begann die Konferenz zur Dorferneuerung, überetwas zu sprechen, was wahrscheinlich niemand geplant hatte: über die Lage derdeutschen Minderheit auf dem Land um Oppeln.
Wenn in zwei Ortschaften, die gerade wegen der Aktivität ihrer Einwohner,der Pflege preußischer Traditionen und des generationenübergreifendenGedächtnisses hervorgehoben werden, die organisierte deutsche Minderheit nureine untergeordnete oder gar keine Rolle spielt, lässt sich dies kaum als reinlokale Kuriosität abtun. Es stellt sich die Frage, ob Salesche und Grodisko Ausnahmensind oder vielmehr einen weitaus umfassenderen Prozess widerspiegeln.
Und dann erhält die vom TSKN angegebene Zahl von etwa 22.000beitragszahlenden Mitgliedern in der Woiwodschaft Oppeln eine ganz andereBedeutung. Was bedeutet diese Zahl eigentlich? Inwieweit spiegelt sie dieRealität wider und inwieweit ist sie ein Element der Erfolgspropaganda? Dochselbst das ist noch nicht das gravierendste Problem.
Es ist nachvollziehbar, dass Menschen aus verschiedenen Gründen nicht dem SKGDangehören wollen. Die Organisation könnte das Vertrauen der Gesellschaftverlieren. Sie könnte den Bedürfnissen der Menschen nicht mehr entsprechen. Siekönnte als überflüssig angesehen werden.
Weitaus schwieriger zu erklären ist, warum mit der Bedeutung derOrganisation auch das Bedürfnis selbst geschwächt wurde, die eigene Kultur alsdeutsch zu definieren.
Denn diese Kultur ist ja nicht verschwunden. Alte Fotos,Familiengeschichten, Trachten, alte Bräuche, die lokale Sprache und dieErinnerung an frühere Generationen werden nach wie vor sorgfältig gepflegt. Esentstehen Regionalkammern, der historische Charakter der Ortschaften wirdbewahrt, es werden sogar Oktoberfeste organisiert. Das preußisch-schlesischeErbe lebt weiter. Was jedoch verschwunden ist, ist das Bedürfnis, es alsdeutsch zu bezeichnen.
Und erst hier offenbart sich die wahre Dimension des Problems. DieselbenMenschen, die Anfang der 1990er Jahre mit Begeisterung Organisationen derdeutschen Minderheit gründeten, pflegen heute weiterhin die Kultur ihrerVorfahren – nur wollen sie darin immer seltener eine deutsche Kultur sehen.
Den kommunistischen Machthabern ist es vierzig Jahre lang nicht gelungen,die familiären Erinnerungen an die deutsche Vergangenheit dieser Gebietevollständig auszulöschen. Sie haben sich in den Häusern, in der Sprache, in derReligiosität, in den Bräuchen und in den Familienerzählungen erhalten. Nachmehr als drei Jahrzehnten legaler Existenz der Minderheit hat die deutscheIdentifikation für einen Großteil der Nachkommen ehemaliger preußischer Bürgeran Bedeutung verloren.
Für eine Organisation, deren Aufgabe es ist, genau dieses Deutsche zubewahren und zu fördern, ist eine alarmierendere Bilanz kaum vorstellbar.
Und genau das war der wichtigste Schwerpunkt der Konferenz in Kandrzin-Cosel