Zehn Tage lang bewahrten polnische und deutsche Soldaten die materiellen Überreste eines der größten Kriegsgefangenenlagerkomplexe der Wehrmacht vor dem Verfall. Sie arbeiteten gemeinsam, doch sie standen diesem Ort nicht mit derselben historischen Belastung gegenüber. Für die Polen war es die Sorge um die Erinnerung an die Opfer. Für die Deutschen war es die Konfrontation mit den Verbrechen des eigenen Staates. Marlen Sulzer, Konsulin der Bundesrepublik Deutschland in Oppeln, versuchte nicht, diesen Unterschied zu verwischen.

Arbeit für den Frieden
Zum Abschluss der diesjährigen Aktion „Arbeit für den Frieden“ auf dem Gelände des ehemaligen Stalag Lamsdorf legten polnische und deutsche Soldaten Kränze und Blumen am Denkmal für das Martyrium der Kriegsgefangenen in Lamsdorf nieder. Anwesend war auch die neue deutsche Konsulin in Oppeln, Marlen Sulzer.
Hier ruhen junge Menschen, die gelitten haben
– Die heutige Zeremonie lässt uns innehalten und wir versuchen zu fühlen, was hier vor Jahren geschah – sagte die Konsulin.
Sie erinnerte an die jungen Menschen, die in Lamsdorf ihre letzte Ruhestätte fanden – Menschen, die nicht sterben wollten und von denen, wie man annehmen kann, die meisten auch nicht töten wollten. Dann fielen Worte, die keinen Raum für historische Ausflüchte ließen:
– Und trotzdem missbrauchte die deutsche Diktatur sie und missachtete ihr Leben und vor allem auch das Leben der überfallenen Polinnen und Polen. Jeder in Deutschland weiß, wer den Krieg 1939 begann.
Eine eindeutigere Aussage ist kaum vorstellbar. Es gab keine Flucht in Allgemeinplätze über die „Tragödie des Krieges“, keine symmetrische Verteilung der Verantwortung und keinen Versuch, die Geschichte als ein Unglück darzustellen, das aus dem Nichts über die Menschen hereinbrach. Die deutsche Konsulin benannte den Täter, sprach von dem Überfall und erinnerte an dessen Opfer.
Soldaten bewahren die Spuren des Lagers
Diese Worte richtete sie an polnische und deutsche Soldaten, die seit dem 14. September gemeinsam die Überreste der Lagerinfrastruktur freilegten, säuberten und konservierten. Auf polnischer Seite beteiligten sich Soldaten der 10. Oppelner Logistikbrigade, auf deutscher Seite Angehörige des Bataillons Elektronische Kampfführung 931 aus Daun in Rheinland-Pfalz.
Die deutsche Einheit ist auf elektronische Kampfführung, die Aufklärung gegnerischer Kommunikation und den Schutz der eigenen Truppen vor Gefahren im elektromagnetischen Raum spezialisiert. In Lamsdorf legten ihre Soldaten die militärische Technik jedoch beiseite und widmeten sich der Bewahrung historischer Spuren.
Das Projekt wird seit 2015 durchgeführt, unterbrochen lediglich durch die Corona-Pandemie. Die Soldaten übernehmen Arbeiten, für die das Museum allein erhebliche finanzielle Mittel und viele Monate benötigen würde. Sie säubern die Relikte der Lagerinfrastruktur, führen grundlegende Konservierungsarbeiten aus, entfernen Pflanzenbewuchs und helfen bei der Instandhaltung des Weges, der durch das ehemalige Lagergelände führt.
Wie Elżbieta Góra, Leiterin der Abteilung Sammlungen und Konservierung des Zentralen Museums der Kriegsgefangenen, betont, handelt es sich um eine sehr konkrete Hilfe. Dank der aufeinanderfolgenden Projekteinsätze hat sich der technische Zustand der erhaltenen Objekte deutlich verbessert.
Auf dem Gelände des ehemaligen Stalags sind Fragmente von Baracken und technischen Lagereinrichtungen erhalten geblieben, die einer kontinuierlichen Pflege bedürfen. Eine der Baracken wurde wiederhergestellt und überdacht. Heute finden dort Bildungsangebote und andere pädagogische Veranstaltungen statt. Die übrigen Relikte werden als dauerhafte Ruinen und Zeugnisse des Lagerbetriebs bewahrt.
Koordiniert wird das Projekt vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Zusammenarbeit mit dem Zentralen Museum der Kriegsgefangenen. Finanziert wird es aus Mitteln des Auswärtigen Amtes.
Der Volksbund wurde in Lamsdorf durch Oberst a. D. Joachim Franke vertreten, der die Funktion des Volksbund-Länderbeauftragten für Polen ausübt. Die Organisation führt in Polen zahlreiche Projekte zur Pflege von Kriegsgräbern durch. Der Lagerkomplex in Lamsdorf ist für sie ein Ort von besonderer Bedeutung.
Drei Kriege, 300.000 Kriegsgefangene
Das erste Kriegsgefangenenlager entstand hier während des Deutsch-Französischen Krieges 1870–1871. Ein weiteres bestand während des Ersten Weltkrieges. Allein zwischen 1939 und 1945 durchliefen rund 300.000 Kriegsgefangene die Lager von Lamsdorf.
Zunächst wurden hier Soldaten der polnischen Armee gefangen gehalten, die während des deutschen Überfalls auf Polen in Gefangenschaft geraten waren. Später kamen Angehörige zahlreicher Armeen der Anti-Hitler-Koalition sowie Teilnehmer des Warschauer Aufstands nach Lamsdorf.
Marlen Sulzer erinnerte daran, dass sich hinter einer so gewaltigen Zahl keine anonyme Masse verbirgt.
– Natürlich waren sie nicht namenlos, jeder hatte einen Namen und eine Geschichte, Wünsche und Pläne für die Zukunft – sagte sie.
Diese Worte geben den Toten jene Individualität zurück, die ihnen das Lagersystem genommen hatte. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch und hinter jedem Menschen eine Familie, ein abgebrochenes Leben und eine Zukunft, die nicht mehr stattfinden konnte.
Die körperliche Arbeit ist nur ein Teil des Projekts. Am ersten Tag besuchen die Soldaten das Museum und lernen die Geschichte dieses Ortes kennen. Erst danach beginnen sie mit den gemeinsamen Arbeiten auf dem ehemaligen Lagergelände.
Dasselbe Lager, eine unterschiedliche Last der Erinnerung
Man darf jedoch nicht so tun, als kämen polnische und deutsche Soldaten mit derselben historischen Erfahrung nach Lamsdorf.
Die polnischen Soldaten können mit den Opfern mitfühlen und sich zum Schutz ihrer Erinnerung verpflichtet sehen. Sie müssen sich jedoch nicht mit der Verantwortung des eigenen Staates für die Errichtung des Lagers und das Leiden der dort gefangenen Menschen auseinandersetzen.
Für die Soldaten der Bundeswehr ist diese Erfahrung schwieriger. Sie betreten das Gelände eines Lagers, das von der Wehrmacht betrieben wurde. Sie säubern die Überreste von Baracken, in denen die deutsche Wehrmacht Polen und Angehörige anderer Nationen gefangen hielt.
Die heutigen deutschen Soldaten tragen keine persönliche Schuld an Verbrechen, die lange vor ihrer Geburt begangen wurden. Sie tragen jedoch Verantwortung dafür, wie der deutsche Staat und seine Streitkräfte mit der Erinnerung an diese Geschichte umgehen. Deshalb ist ihre Anwesenheit in Lamsdorf keine gewöhnliche technische Hilfe. Sie ist eine bewusste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
Auch über diese Verantwortung sprach Marlen Sulzer:
– Und bis heute beschäftigen sich viele Historiker damit, wie Kriege beginnen und wo Menschen mit Verantwortung versagt haben und in Zukunft nicht versagen dürfen. Ziel ist der Friede.
Die Erinnerung an Verbrechen ist daher nicht nur eine Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit. Sie ist eine Warnung vor dem, was erneut geschehen kann, wenn die Verantwortlichen in Staaten, Armeen und Gesellschaften die Gefahr nicht rechtzeitig erkennen.
Ein deutsch-polnischer Mikrokosmos der Zusammenarbeit
Zehn Tage lang arbeiteten und lebten polnische und deutsche Soldaten gemeinsam und lernten die Perspektive der jeweils anderen Seite kennen. Sie verständigten sich überwiegend auf Englisch. In der Gruppe gab es jedoch auch Soldaten, die Polnisch oder Deutsch sprachen. Auf diese Weise entstand ein kleiner deutsch-polnischer Mikrokosmos der Zusammenarbeit.
Diese Zusammenarbeit besitzt auch eine militärische Bedeutung. Soldaten zweier NATO-Armeen lernen, miteinander zu handeln – nicht während einer Gefechtsübung, sondern bei der Bewahrung eines Erinnerungsortes. Gemeinsame Verteidigungsbereitschaft beginnt schließlich nicht erst auf dem Truppenübungsplatz. Ihre Grundlage ist Vertrauen, das auch bei solchen Begegnungen entsteht.
Versöhnung verwischt nicht die Grenze zwischen Täter und Opfer
Im letzten Teil ihrer Rede stellte Marlen Sulzer die Frage nach dem Sinn der Kriegsgräberfürsorge:
– Sie sorgen dafür, dass jeder Tote ein würdiges Grab erhält. Was bedeutet das? Ist das, was Sie tun, politisch nationalistisch rechts oder ist es internationalistisch links? Solche Einteilungen machen keinen Sinn. Denn das, was Sie tun, ist nicht politisch, sondern zutiefst menschlich.
Gemeinsam bewahrten polnische und deutsche Soldaten die Spuren eines Lagers, in dem ihre Landsleute einst auf entgegengesetzten Seiten des Stacheldrahts standen. Gerade darin lag die Bedeutung ihres Einsatzes: Versöhnung verwischt nicht die Grenze zwischen Täter und Opfer. Sie beginnt mit der Benennung der Schuld und der Übernahme von Verantwortung für die Erinnerung.