Schmerzhafter Reifeprozess

Der Streit um die deutschen Opfer in Neustadt O.S.

In Neustadt O.S. hat es tatsächlich ein Ghetto für Deutsche gegeben. Es gab Stacheldraht, Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und Tod. Achtzig Jahre später brachte der Kreistag von Neustadt O.S. den Mut zu einer Geste der Erinnerung auf und ergriff die Initiative, der Opfer zu gedenken. Dieser ehrenwerte Versuch, sich der Geschichte aufrichtig zu stellen, scheiterte jedoch an lokaler Engstirnigkeit.

-
Szymon Kollek

Neustadt O.S. 1945: Als die Heimat fremd wurde

Das Jahr 1945 markierte für die deutschen und schlesischen Einwohner von Neustadt O.S. den Beginn eines Albtraums. Zuerst marschierte die Rote Armee ein. Danach kamen die polnische Verwaltung, der Sicherheitsapparat, Vertreibungen, Enteignungen und der brutale Kampf darum, der Stadt einen neuen, ausschließlich polnischen Charakter zu verleihen. Wer gestern noch zu Hause gewesen war, wurde über Nacht zum Hindernis, Eindringling und Problem, das beseitigt werden musste.

Über diese Ereignisse durfte jahrzehntelang nicht gesprochen werden. Die kommunistische Propaganda schuf ein einfaches und bequemes Weltbild: Die Polen waren die Opfer, die Deutschen die Täter. In diesem Schema war kein Platz für eine vergewaltigte deutsche Frau, einen misshandelten alten Mann, ein hungerndes Kind oder einen Menschen, der ohne Urteil hinter Stacheldraht eingesperrt wurde. Der Deutsche sollte schuldig bleiben, selbst wenn er selbst zum Opfer wurde.

Am erstaunlichsten ist jedoch, dass diese Denkweise den Kommunismus überdauert hat. Noch immer genügt es, das deutsche Leid zu erwähnen, damit sofort der Vorwurf erhoben wird, der Krieg werde relativiert. Als wäre Mitgefühl ein Gut, das man mit Deutschen nicht teilen dürfe.

Ein Ghetto, dessen man nicht zu gedenken braucht

Im März 1945 wies die sowjetische Militärkommandantur in Neustadt O.S. einen Teil der Stadt für die deutsche Bevölkerung aus. Einige Monate später sperrte die polnische Verwaltung erneut Tausende Menschen innerhalb weniger Straßenzüge ein. Das Gelände wurde mit Stacheldraht umzäunt. An den Ausgängen wurden Wachposten aufgestellt. Ohne Passierschein durfte niemand das Gebiet verlassen. An einem der Kontrollpunkte befand sich sogar ein Maschinengewehrstand.

Über die Bezeichnung kann man selbstverständlich streiten. Man kann von einem Isolierungsbezirk, einem Durchgangslager oder einem Internierungsort sprechen. In der Praxis handelte es sich jedoch um ein abgeschlossenes Stadtgebiet, in das Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten nationalen Gruppe zwangsweise umgesiedelt wurden. In der Sprache der Geschichtswissenschaft hat ein solcher Ort einen Namen: Ghetto.

Die Bedingungen waren entsetzlich. In einem Zimmer lebten zwanzig, dreißig oder sogar vierzig Menschen. Es fehlte an Lebensmitteln, Medikamenten, Heizung und sanitären Einrichtungen. Die Menschen tranken Wasser aus dem Fluss. Krankheiten breiteten sich aus. Vor allem Säuglinge und ältere Menschen starben. Die Leichen wurden an provisorischen Orten aufbewahrt, bevor sie bestattet werden konnten. Die Internierten wurden gezwungen, die Stadt von Trümmern zu räumen und Wohnungen für die neuen Ansiedler herzurichten.

Wie viele Menschen starben, ist nicht genau bekannt. Genannt werden Zahlen von mehreren Hundert bis hin zu etwa tausend Opfern. Soll aber wirklich die Zahl darüber entscheiden, ob ein Recht auf Erinnerung besteht? Wie viele Menschen müssen sterben, damit die Ratsmitglieder von Neustadt O.S. anerkennen, dass eine Tragödie eine Gedenktafel verdient? Zehn? Hundert? Tausend?

Ein Teil der Bewohner des Ghettos von Neustadt O.S. kam später nach Lamsdorf, einem Ort, der wegen Gewalt, Krankheiten und Tod einen düsteren Ruf hatte. Andere wurden nach Deutschland vertrieben. Wieder andere blieben in Schlesien, mussten aber jahrzehntelang über ihre Erlebnisse schweigen.

Einer von ihnen war der spätere Schriftsteller Harry Thürk. In seinem Roman „Sommer der toten Träume“ beschrieb er Neustadt O.S. im Jahr 1945 als eine Welt des Hungers, der Zwangsarbeit, der Angst und des moralischen Chaos. Sein Buch ist kein amtliches Protokoll, sondern die Stimme eines Menschen, der sich mitten in dieser Geschichte befand. Auch diese Stimme blieb in Polen viele Jahre lang nahezu ungehört.

Ein Verräter, weil er der Opfer gedenkt

Initiator des Gedenkens an das Ghetto von Neustadt O.S. ist Dragomir Rudy, Geschichtslehrer, Museumsmitarbeiter und Mitglied des Kreistages. Er forderte etwas Bescheidenes: einen Erinnerungsort, eine Tafel, ein Zeichen dafür, dass in diesen Straßen nach dem Krieg Tausende Menschen eingesperrt waren.

Für diese Initiative erhielt er Drohungen. Man nannte ihn einen Verräter, einen Verteidiger von Verbrechern und einen Menschen mit nationalsozialistischen Ansichten. Das ist äußerst bezeichnend. Man muss weder den Holocaust leugnen noch Hitler verherrlichen, um des Nationalsozialismus beschuldigt zu werden. Es genügt zu sagen, dass auch ein deutsches Kind, das verhungerte, ein Opfer war.

Der Kreistag von Neustadt O.S. konnte das verstehen. Er erkannte an, dass die Erinnerung an die früheren Bewohner der Region eine moralische Pflicht ist. Er beschloss, die Initiative zu unterstützen und den Verlauf der Grenzen des ehemaligen Ghettos kenntlich zu machen.

Es schien, als sei Neustadt O.S. nach achtzig Jahren zu einer einfachen Geste der Aufrichtigkeit bereit. Es musste lediglich ein Gebäude gefunden werden, an dem die Tafel angebracht werden konnte. Doch dann begann der Widerstand des Stadtrates.

Ein Deutscher darf kein Opfer sein

Widerstand gegen das Gedenken hatte es bereits im Kreistag gegeben. Dessen Mitglied Dariusz Kolbek behauptete, die Berichte über das Leid der deutschen Bevölkerung seien übertrieben und die Initiative füge sich in die Bestrebungen jener Kreise ein, die Polen in einem möglichst schlechten Licht darstellen wollten. Wenn Unrecht geschehen sei, dann seien dafür sowjetische Soldaten, Angehörige des Sicherheitsapparates oder gewöhnliche Kriminelle verantwortlich gewesen – niemals aber einfache Polen, die ihren deutschen Nachbarn vielmehr geholfen hätten.

Das war jedoch die Stimme eines einzelnen Kreistagsmitglieds und nicht die Position des gesamten Kreistages. Dieser unterstützte das Gedenken schließlich. Kolbeks Argumentation fiel dagegen im Stadtrat von Neustadt O.S. auf deutlich fruchtbareren Boden.

Der Stadtverordnete Jacek Urbański erklärte unverblümt: „Das ist vollkommen unnötig, und es gibt nichts, dessen wir gedenken müssten. Dies ist ein Versuch, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu relativieren und die Grenzen zwischen Tätern und Opfern einzuebnen.“ Dabei beließ er es jedoch nicht. Als Argument gegen die Gedenktafel führte er den Wahlsieg der NSDAP in der Region, die Brandstiftung an der Synagoge von Neustadt O.S. während der Reichspogromnacht und die Tätigkeit des Volkssturms an. Dabei verdreht er sogar grundlegende historische Tatsachen. Vor Hitlers Machtübernahme dominierte in Oberschlesien die katholische Zentrumspartei unter der Führung von Carl Ulitzka und Hans Lukaschek. Noch im November 1932 blieb sie die stärkste politische Kraft in der Provinz. Die NSDAP überholte sie erst im März 1933 – als Hitler bereits Reichskanzler war und die Wahlen in einer Atmosphäre des Terrors und der Repression gegen die Gegner des Nationalsozialismus stattfanden. Die Behauptung, die Bewohner der Region hätten Hitler schlicht gewählt, ist daher eine bequeme, aber falsche Vereinfachung.

Ein anderer Stadtverordneter, Witold Rygorowicz, erklärte: „Wir waren die Opfer dieses Krieges. Das deutsche Volk unterstützte in seiner Mehrheit Hitlers Politik. Was nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschah, war eine Folge dieses Krieges. […] Wir sollten nicht den Eindruck erwecken, gegenüber den Menschen, die von hier vertrieben wurden, Schuld zu empfinden.“

Eine deutlichere Erklärung kollektiver Verantwortung ist kaum denkbar. Ein deutsches Kind darf verhungern, eine Frau vergewaltigt und ein alter Mann misshandelt oder aus seinem Haus vertrieben werden – nur weil sie einer Nation von Tätern angehörten.

Das Ghetto existierte, doch nach Ansicht der Stadtverordneten gibt es nichts, dessen man gedenken müsste. Menschen starben, doch die Erinnerung an ihren Tod soll angeblich die Polen beleidigen. So funktioniert eine Erinnerung, die in einem nationalen Bunker eingeschlossen ist: Sie sucht nicht nach Wahrheit, sondern verteidigt die bequeme Einteilung, nach der ein Pole immer Opfer bleibt und ein Deutscher niemals eines sein kann.

Ein Streit um europäische Reife

Der Streit um die Gedenktafel von Neustadt O.S. ist heute kein deutsch-polnischer Konflikt. Er ist ein polnisch-polnischer Konflikt – ein Streit darüber, ob wir über Geschichte sprechen können, ohne zu befürchten, dass die Anerkennung fremden Leids unser eigenes schmälert. Europäische Reife besteht nicht darin, die Fahne der Europäischen Union zu schwenken oder Reden über Versöhnung zu halten. Sie beginnt dort, wo wir am Grab eines Menschen stehen können, der einer Nation von Tätern angehörte, und sagen: Auch ihm wurde Unrecht angetan.

Der Kreistag von Neustadt O.S. war zu einer solchen Geste fähig. Der Stadtrat war es nicht. Seine Mitglieder hielten es für sicherer, bei einer einfachen und bequemen Geschichtserzählung zu bleiben. Damit stellten sie kein Zeugnis von Patriotismus, sondern von Engstirnigkeit aus.

Eine Gedenktafel würde schließlich die deutsche Verantwortung für die Entfesselung des Krieges nicht infrage stellen. Sie würde lediglich sagen, dass der Sieg über den Nationalsozialismus niemandem das Recht gab, unschuldige Menschen zu demütigen, auszuhungern und zu verfolgen. Zu dieser Unterscheidung sind die Stadtverordneten von Neustadt O.S. offenbar noch immer nicht bereit.

Neustadt O.S. wird in diese Erinnerung erst noch hineinreifen müssen. Offenbar ist es ein schmerzhafter Reifeprozess.

Peter Karger

Als Anhang veröffentlichen wir einen Text von Dragomir Rudy, Mitglied des Kreistages von Neustadt O.S., in dem er seiner Empörung über die Entscheidung des Stadtrates von Neustadt O.S. Ausdruck verleiht. Der Text wurde für eine lokale Wochenzeitung verfasst.

 

 Der Radiergummi der Geschichte

Die Geschichte ist eine seltsame Lehrerin. Angeblich lehrt sie fürs Leben, aber nur diejenigen, die zuhörenwollen. Die anderen bringen lieber einen Radiergummi zum Unterricht mit undlöschen alles aus, was nicht zur jeweiligen Stimmung passt.

Ich stelle mir vor, dass irgendwoein Ministerium für bequeme Erinnerung oder eine kommunale Selbstverwaltungexistiert. Vielleicht sogar in Neustadt O.S., wo Beamte oder Ratsmitglieder an einem großen Tisch sitzen und entscheiden:

– Das behalten wir.

– Das streichen wir.

– Darüber darf gesprochen werden.

– Jenes sollte man besser vergessen.

– Und das? Das ist zu kompliziert. Es sollte lieber nicht existieren.

So wird die Geschichte zu einem Büfett. Wir nehmen nur das, was uns schmeckt.

Wenn „unsere“ Leute gelitten haben, ist die Erinnerung heilig.

Wenn „die anderen“ gelitten haben, beginnt nervöses Räuspern und die Suche nach einem bequemeren Thema.

Die Geschichte kennt jedoch keine Nationalität des Leidens.

Eine Kugel fragte nicht nach dem Pass.

Der Hunger kontrollierte nicht die Herkunft.

Die Gewalt interessierte sich nicht für das nationale Bekenntnis.

In Oberschlesien waren nach 1945 Deutsche, Schlesier und Polen Opfer: Menschen, die Polnisch, Deutsch oder Schlesisch sprachen, und solche, die gar nichts mehr zu sagen vermochten.

Die Geschichte ist gerade deshalb unbequem, weil sie keine einfachen Antworten gibt.

Am meisten fasziniert mich jedoch die heutige Fähigkeit, Opfer in „bessere“ und „schlechtere“ einzuteilen.

Den einen gebührt Erinnerung. Fürdie anderen reicht offenbar das Schweigen.

Erinnerung ist jedoch keine Medaille, die für eine Nationalität verliehen wird. Sie ist eine Verpflichtung gegenüber dem Menschen.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass es leichter ist, einen weiteren Supermarkt zu errichten als eine kleineTafel, die über ein Ereignis informiert, das tatsächlich stattgefunden hat.

Denn ein Geschäft zwingt niemanden zum Nachdenken. Die Geschichte schon.

Und wir fürchten uns immer häufiger gerade vor dem Denken.

Viel bequemer ist es, die Welt in Gute und Böse einzuteilen.

Das Problem besteht darin, dass die wirkliche Geschichte solche einfachen Einteilungen nicht anerkennt.

Unter den Deutschen gab es Nationalsozialisten, aber auch Menschen, die vom eigenen Regime verfolgtwurden, Geistliche, Mitglieder des Widerstands und einfache Einwohner, die zu überleben versuchten.

Unter den Polen gab es Helden, aber auch Denunzianten und Kollaborateure.

Unter den Russen gab es Henker, aber auch Gefangene des Gulags.

Geschichte passt niemals in eineeinzige Parole.

Vielleicht versuchen wir gerade deshalb so häufig, sie zu vereinfachen.

Dabei wurde Europa, auf das wiruns so gern berufen, nicht auf dem Vergessen aufgebaut, sondern auf dem Mut, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen.

Das bewegendste Symbol bleibendie Worte der polnischen Bischöfe aus dem Jahr 1965:

„Wir vergeben und bitten umVergebung.“

Sie waren kein Akt der Amnesie.Sie waren ein Akt des Mutes. Sie bedeuteten keine Reinwaschung der Verbrechen.

Sie bedeuteten die Bereitschaft, anzuerkennen, dass die Zukunft nicht zur Geisel der Vergangenheit werden darf.

Das ist im Übrigen ein zutiefstchristlicher Gedanke.

Denn es ist leicht, dasVaterunser zu beten.

Viel schwerer ist es, über dieWorte nachzudenken: „… und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergebenunseren Schuldigern.“

Dieser Satz enthält keineFußnote: „… aber nur denen, die wir mögen.“

Auch eine Ausnahme für bestimmteNationalitäten findet sich dort nicht.

Ebenso wenig gibt es einenZusatz, wonach die Erinnerung an das Leiden der einen das Mitgefühl für dieanderen ausschließt.

Das Christentum war niemals ein Wettbewerb um den größten Schmerz.

Es war ein Aufruf zu Wahrheit,Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

Vielleicht ist die Geschichte gerade deshalb so anspruchsvoll.

Sie erlaubt es uns nicht, bequemauf einer Seite Platz zu nehmen.

Sie vertauscht die Rollen.

Sie zeigt, dass Nationen sowohl Sieger als auch Opfer sein können.

Dass Grenzen sich verschieben. Dass Politiker gehen.

Und dass die einfachen Menschen mit ihren Erinnerungen zurück bleiben.

Deshalb sind jede Tafel, jede Publikation und jede seriöse historische Abhandlung kein Denkmal für eineIdeologie.

Sie sind Denkmäler der Wahrheit.

Und die Wahrheit ist niemals eine Bedrohung – auch wenn sie unbequem sein mag.

Vielmehr führt ihre Abwesenheit dazu, dass die nächsten Generationen beharrlich denselben Radiergummi der Geschichte aus dem Schrank holen.

Und sich wundern, dass die ausgelöschten Tatsachen immer wieder zurückkehren.

Dragomir Rudy

This is some text inside of a div block.
Peter Karger