Eine der prächtigsten und zugleich am besten erhaltenen aristokratischen Residenzen in Oberschlesien kommt unter den Hammer. Der bisherige Eigentümer ist insolvent, das Anwesen wurde vom Gerichtsvollzieher zum Verkauf ausgeschrieben. Erstmals seit Jahrzehnten eröffnet sich damit die Chance, nicht nur den architektonischen Glanz des barocken Schlosses wiederherzustellen, sondern auch eine aristokratische Lebensform, die untrennbar mit diesem Ort verbunden war.
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Ein außergewöhnlicher Ort mit enormem Potenzial
Im barocken Schloss von Turawa haben sich Fragmente der originalen Ausstattung erhalten: Teile der Holzvertäfelungen, Türrahmen und -flügel, Keramiken sowie sogar einzelne Möbelstücke. Dies ist eine Seltenheit im regionalen Maßstab und ein Wert, der heute nicht mehr rekonstruierbar ist. Zwar bedarf das Gebäude einer grundlegenden Sanierung, doch seine Bausubstanz ist stabil, die architektonische Form klar und authentisch.
Die Residenz ist von einem mehrere Hektar großen Park umgeben, der einst über ein ausgedehntes System von Teichen und Kanälen verfügte. Heute ist die Anlage verwahrlost, besitzt jedoch nach wie vor ein erhebliches landschaftliches Potenzial.
Auch die Lage des Schlosses ist außergewöhnlich. Es befindet sich nur wenige Kilometer von Oppeln entfernt und ist die einzige aristokratische Residenz dieser Größenordnung in unmittelbarer Nähe der Woiwodschaftshauptstadt. Ein zusätzlicher Vorzug ist die Nähe zum Turawa-See, die die Attraktivität des Anwesens deutlich erhöht. Dennoch fehlt es seit Jahrzehnten sowohl an einem kohärenten Nutzungskonzept als auch an einer langfristigen Vision für diesen Ort.
Von den Piasten zur preußischen Residenz der Löwencrons
Die Geschichte des Schlosses von Turawa ist zugleich eine Geschichte des deutschen Oberschlesiens: der Familien, die hier ihre Stellung zunächst im Rahmen des habsburgischen Staates, später des Deutschen Kaiserreiches aufbauten, sowie einer Architektur, die diese politischen und kulturellen Einflüsse widerspiegelt.
Wahrscheinlich bestand hier bereits im Mittelalter eine piastische Wehranlage, die in der österreichischen Zeit mehrfach umgebaut wurde. Die lokale Überlieferung spricht zudem von einem früheren Jagdschlösschen; schriftliche Belege fehlen zwar, doch spätere Berichte über aufgefundene Waffen und Jagdausrüstung stützen die These, dass dieser Ort schon vor der Barockzeit repräsentative Funktionen erfüllte. Im 16. Jahrhundert wurde das Schloss von Georg von Königsfeld bewohnt, der – wie Quellen aus dem Jahr 1562 belegen – den Titel „Herr auf Turawa“ führte.
Eine Zäsur brachte erst die Übernahme des Gutes durch Martin von Löwencron, einen Vertreter der neuen preußischen landständisch-amtlichen Elite. Auf seine Initiative hin begann man in den Jahren 1728–1731 mit dem Bau einer gemauerten barocken Residenz, die sein Sohn Anton vollendete. Das Schloss sollte von Beginn an nicht nur ein komfortabler Wohnsitz sein, sondern auch ein deutliches Symbol der Herrschaft einer neuen, preußischen Elite. Der Entwurf wird Adam Tentschert zugeschrieben, einem Architekten, der nach dem großen Stadtbrand von 1728 in Oppeln tätig war.
Die Konzeption des Schlosses: Grundriss, Fassaden und der barocke Turm
Die heutige Gestalt des Schlosses ist ein bauliches Protokoll seiner sukzessiven Erweiterungen. Die Anlage folgt einem Grundriss in Annäherung an die Form eines „C“: Zwei Flügel – ein südlicher und ein nördlicher – sind durch einen schmalen Verbindungstrakt verbunden, zwischen ihnen öffnet sich ein Hof. Der Bau ist zweigeschossig, wobei das zweite Geschoss im Mansarddach liegt; das mit Biberschwanzziegeln gedeckte Dach „arbeitet“ mit Risaliten und Gauben, die die Dachflächen rhythmisieren und den repräsentativen Charakter des Gebäudes unterstreichen.
Besonders aussagekräftig ist die sechzehnachsige Ostfassade, deren Rhythmus bewusst „unregelmäßig“ gehalten ist: Die ersten Fenster gehören zum ältesten südlichen Flügel, es folgt die Stelle des ehemaligen Durchfahrtstores, anschließend die Fenster des Verbindungstraktes und des nördlichen Flügels. Es handelt sich um eine geschichtete, nahezu chronikalische Architektur. Ein Gesims trennt die Geschosse, während Pilaster und neorokokohafte Fassadendekorationen die in unterschiedlichen Jahrzehnten entstandenen Teile formal zusammenbinden. In der Dachfläche treten größere, mit Kartuschen bekrönte Zwerchgiebel hervor, die das Wappen der Löwencrons tragen – ein Detail, das wie die Signatur des Stifters wirkt und an die preußische Genealogie des Ortes erinnert.
Von Süden her zieht der Turm mit barocker Zwiebelhaube und achteckiger Laterne, gedeckt mit Holzschindeln, die Aufmerksamkeit auf sich – ein zugleich sakraler und prestigeträchtiger Akzent. Hier wurde 1751 eine Kapelle eingerichtet, später auch eine Uhr mit Zifferblättern an drei Seiten, deren Schlag den Alltag der Umgebung strukturierte. Die Westfassaden betonen zusätzlich den repräsentativen Anspruch der Residenz: Im südlichen Flügel tritt ein dreiachsiger Risalit deutlich hervor, während die mit halbkreisförmig geschwungenem Gesims abgeschlossenen Giebel barocke Gestik mit späteren, „hofartigen“ Korrekturen verbinden. So verstandene Architektur ist mehr als Ästhetik – sie ist Programm: eine Manifestation von Kontinuität, Ordnung und Wohlstand ihrer Besitzer.
Die Garniers und das Ende der preußischen Epoche
Nach den Löwencrons gelangte das Schloss in den Besitz der Grafen von Garnier. Im Jahr 1761 wurde an der Nordseite ein Wirtschaftsflügel mit Tordurchfahrt angebaut, der es erlaubte, „trockenen Fußes“ direkt in das Schloss zu gelangen – ein praktischer Luxus des Adels. Der Siebenjährige Krieg, ein weiterer Abschnitt des preußischen Ringens um die Vorherrschaft in Oberschlesien, brachte brutale Repressionen gegen die autochthone Bevölkerung mit sich. Zu seinen Opfern zählten jedoch auch die neuen preußischen Aristokraten. Die Kriegswirren gingen auch an Turawa nicht vorbei: 1760 wurde das Schloss von österreichischen Deserteuren überfallen, ein Jahr später von russischen Truppen, die an der Seite Österreichs gegen Preußen kämpften, verwüstet und geplündert. Nach dem Frieden von Hubertusburg 1763, der die preußische Herrschaft in Oberschlesien bestätigte, wurde das Schloss wiederaufgebaut und erneut zum Symbol der neuen Macht erhoben.
Im 19. Jahrhundert fungierte Turawa als Majorat (Fideikommiss) – eine typische preußische Rechtsinstitution zur Erhaltung des Besitzes als unteilbares Ganzes. Die Garniers investierten erhebliche Mittel in das Schloss: Sie führten neorokokohafte Ausstattungen ein, ordneten die Raumstruktur neu und schufen einen Ballsaal, eine Bibliothek sowie repräsentative Salons. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde die Residenz modernisiert und lebte im Rhythmus des kaiserlichen Deutschlands: großer Empfänge, Bälle und Konzerte, zahlreicher Bediensteter, der Pflege preußischer Traditionen und der Loyalität gegenüber der Dynastie der Hohenzollern. Die Familie der Grafen von Garnier bewohnte das Schloss bis Januar 1945.
Der Einmarsch der Roten Armee brachte Plünderung und Verwüstung. Unter anderem wurde die über Generationen gewachsene Bibliothek der Garniers verbrannt – ein Symbol der Kontinuität deutscher Kultur in Schlesien. Nach dem Krieg diente das Schloss als Kinderheim. Nach dem Umbruch von 1989 gelangte es in die Verwaltung der Kommunen und begann allmählich zu verfallen. Im Jahr 2012 erwarb eine Firma aus Warschau das Objekt und behandelte es als finanzielle Absicherung ihrer Geschäfte. Heute sind von diesem Vorhaben lediglich Schulden geblieben.
Hoffnung auf die Rückkehr der Aristokratie
Das Schloss soll im Februar 2026 zur Versteigerung kommen. Sein Erwerb könnte weit mehr sein als eine gewöhnliche Kapitalinvestition. Er wäre nicht nur ein Akt der Rettung des deutschen und schlesischen Kulturerbes der Region, sondern zugleich eine bewusste Anknüpfung an die kaiserlichen und aristokratischen Traditionen dieses Ortes. Er könnte zu einer neuen Form großherrschaftlichen Lebensstils werden – eines Lebensstils, den sich heute viele emanzipierte Autochthone ohne Weiteres leisten können. Es genügt, an die beeindruckenden Investitionen von Joachim Wiesiollek zu erinnern, der aus privaten Mitteln die Schlösser in Koppitz und Zyrowa erworben hat.
Vor diesem Hintergrund erscheint das Schloss in Turawa als eine vergleichsweise leichter zu bewältigende Herausforderung. Es ist unverhältnismäßig besser gelegen als beide Objekte Wiesiolleks, kleiner und zugleich deutlich besser erhalten. Gewiss erfordert auch dieses Vorhaben Mut, Vision und Kapital – jedoch in einem Maße, das es realistisch und umsetzbar macht.
So bleibt nichts anderes, als mit Ungeduld und Hoffnung auf einen neuen „Herrn auf Turawa“ zu warten. Der Februar 2026 könnte für das Schloss der Löwencrons und Garniers ein völlig neues Kapitel eröffnen – und für seine künftigen Fortführer den Beginn einer bewussten Einschreibung in die lange aristokratische Geschichte dieses Ortes markieren.
