Jeder, der durch Poremba oder von Leschnitz in Richtung Sankt Annaberg fährt, sieht die seit Jahren andauernden Renovierungsarbeiten an der dortigen die Annaberger Kalvarie. Sie werden größtenteils aus Mitteln privater Spender finanziert. Das ist keine gewöhnliche Denkmalrenovierung. Es ist ein Zeichen dafür, dass in der Region ein kollektives Verantwortungsgefühl für einen Ort erwacht und sich festigt, der seit Generationen die autochthone Identität prägt.

Die Kalvarie auf dem Sankt Annaberg besteht aus mehreren Dutzend Kapellen und Kirchen. Einige von ihnen stehen direkt an der Straße, andere tauchen hinter dem Grün auf. An vielen sieht man neue Fassaden, renovierte Treppen und erneuerte Dächer. Wer genauer hinschaut, erkennt in diesen Arbeiten mehr als nur technische Instandhaltung. Man sieht Fürsorge. Man sieht Beharrlichkeit.
Die Betreuung der Kalvarie liegt bei der Stiftung Heiligtum Sankt Annaberg, deren Vorsitzender seit 1996 der frühere Abgeordnete der deutschen Minderheit, Helmuth Paisdzior, ist. In diesen drei Jahrzehnten hat er die Autochthonen mit Erfolg dazu bewegt, solidarisch Mittel für den Wiederaufbau der anfangs stark vernachlässigten Kalvarie bereitzustellen.
Denn der Sankt Annaberg ist für die Autochthonen mehr als nur ein Heiligtum. Er ist ein Bezugspunkt, an dem aufeinanderfolgende Generationen der Bewohner dieses Landes ihre Herkunft und ihre Kontinuität ablesen konnten. In gewissem Sinne sind alle auch deshalb „von hier“, weil schon ihre Vorfahren hierher pilgerten. Dieser Ort verband Familien, Erfahrungen und Erinnerung. Nicht nur religiös, sondern existenziell. Die heilige Anna – Mutter Marias und Großmutter Christi – trägt in sich die Symbolik generationeller Kontinuität. Und genau deshalb spricht der Annaberg so stark zur regionalen Vorstellungskraft. Er ist ein Zeichen des Fortbestands, der Verwurzelung und der Bindung zwischen denen, die vor uns waren, und denen, die nach uns kommen werden.

Bevor der Hügel zum Sankt Annaberg wurde, war er als Sankt-Georgs-Berg bekannt. In älteren Vorstellungen war er mit Feuer, Licht und einer über den Alltag erhobenen Sphäre verbunden. Später wurde die Bedeutung dieses Ortes durch die Initiative der Familie von Gaschin vollendet. Reichsgraf Melchior von Gaschin (1581–1665) erwarb den Berg, und die Kalvarie selbst, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtet wurde, entstand dank privater Mittel seiner Erben. Diese Tatsache ist von grundlegender Bedeutung. Am Ursprung eines der wichtigsten Identitätsorte der Region stand nicht ein abstrakter Staats- oder Kirchenapparat, sondern die bewusste Verantwortung des Stifters und seiner Familie. Das heutige Sponsoring ist also nichts Neues. Es ist die Fortsetzung eines alten Musters. Es ist die Rückkehr zu einer Tradition, nach der sich die Eliten dieses Landes nicht von ihren Erinnerungsorten abwandten.
Mit der Zeit wurde der Sankt Annaberg zu einem Symbol des Festhaltens an der eigenen Eigenart. In preußischer Zeit versuchte man, die Autochthonen auf eine andere geistige und kulturelle Orientierung auszurichten, indem man den Übertritt zum Protestantismus erzwang und die Traditionen der Vorfahren schwächte. Auch in kommunistischer Zeit versuchte man, der einheimischen Bevölkerung fremde Identitätsschemata aufzuzwingen. Und doch überdauerte die Erinnerung. Sie überdauerte gerade dank solcher Orte. Dadurch, dass die Menschen auf den Sankt Annaberg zurückkehrten, dass sie hier die Bestätigung ihrer eigenen Kontinuität fanden und sich die Verbindung zur Vergangenheit nicht nehmen ließen. Es ist kein Zufall, dass nach 1989 die erste deutschsprachige Messe in Oberschlesien nach dem Zweiten Weltkrieg gerade hier, in der Annaberger Basilika, stattfand.

In diesem Zusammenhang gewinnt die Tätigkeit der Stiftung Heiligtum Sankt Annaberg besondere Bedeutung. Helmut Paisdzior verstand, dass die Rettung der Annaberger Kalvarie nicht nur Gefühl, sondern auch Organisation, Geld und die Mobilisierung von Spendern erfordert. Heute wird diese Arbeit auch von Pater Błażej, dem Guardian des Klosters. Er ist eine wichtige Stütze dieser Bemühungen, engagiert bei der Mittelbeschaffung und der Durchführung weiterer Arbeiten. Er ist auch derjenige, der im Sanktuarium die deutschsprachigen Messen hält.
Und es wurde wirklich viel erreicht. Jahr für Jahr restaurierte die Stiftung die Kalvarienkapellen, die Kapelle der Krönung Mariens, die Kirche Mariä Himmelfahrt in Poręba, die St.-Anna-Basilika und den Paradiesplatz. Fassaden wurden erneuert, Figuren rekonstruiert, Reliefs gerettet, Dächer, Treppen und Balustraden instand gesetzt. Auch drei Altäre wurden restauriert. Die Kalvarie ist nach Jahren dieser Tätigkeit deutlich ordentlicher geworden.
Immer mehr Menschen verstehen, dass Identität sich nicht von selbst erhält. Man muss sie auch mit eigenen Mitteln schützen. Zu den Spendern gehört auch Joachim Wieschollek, bekannt durch den Wiederaufbau des Gaschin-Schlosses in Zyrowa.
Gerade deshalb bleibt der Sankt Annaberg ein Heiligtum der Identität. Nicht nur deshalb, weil hier die Vorfahren beteten, sondern weil aufeinanderfolgende Generationen seinen Fortbestand als eigene Verpflichtung verstanden. Und vielleicht zeigt sich gerade darin am deutlichsten die Reife der autochthonen Eliten: in der Überzeugung, dass man das regionale Gedächtnis nicht sich selbst überlassen darf.
Und Helmuth Paisdzior gebühren große Worte des Dankes für seine Energie und Entschlossenheit beim Aufbau eines so wichtigen Werkes für alle Autochthonen.