Europa ist wichtiger als die Nation

Dobrindt: Eine gemeinsame Identität wird Nationalismen Einhalt gebieten

Der deutsche Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach anlässlich einer Gedenkfeier für die Opfer von Flucht und Vertreibung nach 1945 über die Notwendigkeit, sich den in Europa wiederauflebenden Nationalismen entgegenzustellen. Das wirksamste Instrument dafür sei eine gemeinsame europäische Identität, die stärker sein sollte, als nationale Egoismen. Gedanken nach dem Berliner Treffen.

Das Berliner Konzerthaus

Das Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt gehört zu den repräsentativsten und schönsten Orten der deutschen Hauptstadt. Genau hier organisierte die Bundesregierung eine Gedenkfeier für die Opfer von Flucht und Vertreibung nach 1945 aus den ehemaligen deutschen Gebieten.

Eine gemeinsame europäische Identität als Traum

Höhepunkt der Feierlichkeiten war die Rede des Bundesinnenministers Alexander Dobrindt. Der CSU-Politiker sprach von der Notwendigkeit, konsequent eine gemeinsame europäische Identität aufzubauen, die die auf dem Kontinent stattfindenden Integrationsprozesse ergänzen solle.

Nach Ansicht des Ministers sollten die Europäer die Geschichte ihres Kontinents nicht nur als eine Geschichte der Konflikte betrachten, sondern auch als eine Geschichte der Zusammenarbeit, der gegenseitigen Beeinflussung und Inspiration. Diese Prozesse hätten zur Entstehung einer europäischen Gemeinschaft geführt, die nationale Unterschiede und Egoismen schrittweise überwinden solle.

Das Gefühl der Verwurzelung in einer gemeinsamen europäischen Identität würde zum solidesten Schutz vor wiederauflebenden Nationalismen werden. Gerade diese, so betonte Dobrindt, tauchen in einigen europäischen Staaten wieder auf und behindern die weitere Integration des Kontinents. Verantwortungsbewusste Politiker sollten sich ihnen entschieden entgegenstellen.

Eines der wichtigsten Instrumente dieser Verteidigung wäre das Gefühl der Zugehörigkeit zur europäischen Familie, einer Gemeinschaft, die stärker ist als nationale Sehnsüchte und Egoismen.

Das ist eine schöne Vision. Sicherlich aber auch ein Traum, auf dessen Verwirklichung die Europäer noch eine Weile warten müssen. Genau deshalb sind Dobrindts Worte beachtenswert. Sie verändern die Realität nicht von heute auf morgen, aber sie erinnern daran, dass die europäische Integration ohne ähnliche Ambitionen leicht nur ein Projekt von Institutionen, Verfahren und Interessen bleiben kann.

Die Pflege von Gräbern als Gedenkstätten

In diesem Jahr lag der Schwerpunkt auf dem Schicksal der durch den Krieg getrennten Familien. Es wurde über die Bemühungen gesprochen, die Identität gefallener Soldaten festzustellen, ihre Todes- und Begräbnisorte ausfindig zu machen sowie den Familien die Möglichkeit zu geben, Informationen über das Schicksal ihrer Angehörigen zu erhalten. Auch Fälle von Geschwistern wurden in Erinnerung gerufen, die der Krieg über Jahrzehnte hinweg getrennt hatte und die erst in der heutigen Zeit wiedergefunden werden konnten.

Forderungen des BdV Präsidenten Stephan Mayer.

Zum Abschluss der Feierlichkeiten ergriff der Präsident des Verbandes der Vertriebenen und Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer das Wort. Er erinnerte an das unvorstellbare Leid, das den Völkern Europas im Namen des deutschen Volkes während des Zweiten Weltkriegs zugefügt wurde. Gleichzeitig betonte er, dass diese Verbrechen keine Rechtfertigung für das Leid darstellen dürfen, das deutschen Frauen, Kindern und älteren Menschen bei den Zwangsumsiedlungen nach 1945 aus Polen und anderen europäischen Staaten zugefügt wurde. Ein Verbrechen rechtfertigt kein anderes.

Die Anerkennung der deutschen Verantwortung für den Ausbruch des Krieges sollte nicht bedeuten, dass das Leid der deutschen Zivilbevölkerung verschwiegen wird. Das Wichtigste bei der Überwindung gegenseitiger Ungerechtigkeiten bleiben Versöhnung und die Bereitschaft zur Vergebung.

Als Beispiel nannte Stephan Mayer das jüngste Treffen der Sudetendeutschen in Brünn. In den Ländern Mittel- und Osteuropas galten die Treffen der Landsmannschaften jahrzehntelang als Inbegriff des deutschen Revisionismus und wurden oft mit tiefem Misstrauen oder sogar offener Feindseligkeit kommentiert. Umso mehr ist die Verlegung dieser Veranstaltung in das tschechische Brünn als historisches Ereignis und beispielloser Akt der deutsch-tschechischen Versöhnung zu werten. Von besonderer Bedeutung war auch, dass die Sudetendeutschen von der tschechischen Jugend herzlich empfangen wurden. Der Abgeordnete Mayer äußerte die Hoffnung, dass ähnliche Treffen in Zukunft auch in anderen Ländern Europas möglich sein werden.

Dieses Thema wurde später in den Gesprächen hinter den Kulissen wieder aufgegriffen. Es wurde sogar der Vorschlag gemacht, dass vielleicht auch das Schlesiertreffen, Schlesiertreffen, in naher Zukunft in Schlesien stattfinden könnte. Man erwähnte sogar den St. Annaberg in Oberschlesien. Dies wäre ein weiterer Meilenstein im Prozess der deutsch-polnischen Annäherung und der gegenseitigen Überwindung des erlittenen Unrechts.

Diese Vision wurde eher als Traum betrachtet, der sowohl für die in Deutschland lebenden Schlesier als auch für diejenigen, die in ihrer schlesischen Heimat geblieben waren, schön war. Eine solche symbolische Rückkehr der einst vertriebenen Schlesier in ihre Heimat wäre ein außergewöhnlicher Akt der deutsch-polnischen Annäherung gewesen.

Zwei Bezeichnungen für dasselbe Unrecht

Bei der Feier in Berlin war es schwer, sich der Assoziation mit dem Gedenken an die dramatischen und grausamen Repressionen zu entziehen, die nach 1945 über die deutsche Bevölkerung in Kattowitzer Schlesien hereinbrachen. Nur dass diese Ereignisse in Kattowitz als „Oberschlesische Tragödie“ bezeichnet werden. Auch hier werden Maßnahmen ergriffen, um an die Deportationen, Internierungen, Lagerinhaftierungen, Gewalttaten und die Zwangsvertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat zu erinnern. In Oberschlesien ist die Erinnerung an diese Ereignisse außerordentlich lebendig. Es werden Märsche, Umzüge, Gedenkveranstaltungen im Freien, Gottesdienste und Konzerte organisiert.

Im Grunde genommen ist die „Oberschlesische Tragödie“ genau dasselbe, was in Deutschland als „Flucht und Vertreibung“ bezeichnet wird. Es handelt sich um genau dieselbe Abfolge von Nachkriegsrepressionen gegen die deutsche und schlesische Bevölkerung vor Ort, an die während einer Feierstunde im Berliner Konzerthaus erinnert wurde.

Es ist daher sehr verwunderlich, dass Vertreter der schlesischen Kreise, die in Polen die Hauptinitiatoren der Gedenkfeier für die Tragödie der schlesischen Deutschen sind, nicht zur Teilnahme an der Berliner Feier eingeladen wurden.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass diese Kreise sich nicht nur bei den nächsten Gedenkfeiern treffen, sondern auch eine gemeinsame Initiative ergreifen, um eine Gedenkstätte zu schaffen, die an die Menschen erinnert, denen nach Kriegsende ihr Zuhause, ihre Freiheit, ihre Würde und oft auch ihr Leben genommen wurden. In schlesischen Kreisen wird seit langem über die Notwendigkeit gesprochen, in Kattowitz ein Denkmal für die Opfer der Nachkriegsrepressionen zu errichten. Vielleicht könnte der BdV solche Bemühungen unterstützen.

Ein gemeinsames Denkmal als Beweis europäischer Reife.

Die Zustimmung der polnischen politischen Elite zu einer solchen Initiative wäre ein wichtiger Schritt zur Verwirklichung von Alexander Dobrindts Traum, die Grundlagen einer gemeinsamen europäischen Identität zu schaffen. Sie wäre auch ein Zeugnis europäischer Reife – der Fähigkeit, nicht nur das eigene Gedächtnis und das eigene Leid anzuerkennen, sondern auch das Unrecht, das den Nachbarn zugefügt wurde.

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