Die Tradition der österlichen Reiterprozessionen gelangte im Zuge der im 12. Jahrhundert von der heiligen Hedwig von Andechs inspirierten Kolonisation nach Schlesien. Dieser bayerische Brauch der Bittumritte über die Felder hat Jahrhunderte überdauert. In Benkowitz bei Ratibor wird auf diese Weise bis heute der Frühling begrüßt – ernsthaft und mit Gebet. Die Reiterprozessionen werden mit großer Ernsthaftigkeit begangen und erfüllen eine wichtige integrative Funktion.

In Benkowitz sind die Osterreiterprozessionen keine folkloristische Dekoration und keine Inszenierung für Touristen. Es handelt sich um eine religiöse Prozession, verwurzelt in der alten Ordnung des dörflichen Lebens, in der Feldarbeit, der Rhythmus der Natur und der Glaube eine Einheit bildeten. Die Reiter umreiten die Felder und bitten den auferstandenen Christus um eine gute Ernte, um günstiges Wetter, um Schutz vor Unglück und um Segen für die Bauern. Sie halten an Kreuzen und an der St.-Urban-Kapelle, und das Gebet bleibt hier bis heute etwas Reales, nicht nur Symbolisches.
Die Prozession beginnt an der barocken Allerheiligenkirche in Benkowitz. Eröffnet wird sie von drei Reitern. Einer trägt die Figur des auferstandenen Christus, der zweite ein mit einem roten Band geschmücktes Kreuz. Hinter ihnen folgen der Priester und die übrigen Bauern. Gebet, Gesang und die geordnete Formation verleihen dem gesamten Geschehen seinen feierlichen Ernst. Die Route führt über die Felder in Richtung Ratibor und zurück ins Dorf. In diesem Jahr nahmen mehr als hundert Pferde an der Veranstaltung teil, doch selbst diese beeindruckende Zahl verändert den Charakter der Prozession nicht: Ihr Sinn bleibt religiös, nicht spektakulär.

Gerade diese religiöse Dimension macht die Besonderheit der Prozession aus. Die Reiter beten auf Deutsch, und deutsche Kirchenlieder erklingen weiterhin über den Feldern. Zwar wird auch in beiden Sprachen gesungen, doch der deutsche Kern dieser Tradition bleibt deutlich erkennbar und wird bewusst bewahrt.
Diese Verbundenheit mit der Tradition zeigt sich am deutlichsten in persönlichen Geschichten. Filip Pawlar, gebürtiger Benkowitzer und Neffe des berühmten Priestes Franz Pawlar, kehrt jedes Jahr zur Osterprozession zurück, obwohl er seit vier Jahrzehnten in München lebt. Fünfzigmal hat er daran teilgenommen. Zum ersten Mal als Neunjähriger. Heute erlaubt es ihm seine Gesundheit nicht mehr, selbst aufzusitzen, doch er nimmt weiterhin an der Veranstaltung teil und unterstützt, wie er sagt, die Sänger. In seinem Fall ist das Osterreiten mehr als nur eine Erinnerung an die Kindheit – es ist eine weitergegebene Bindung an Ort, Sprache und Tradition.

Ähnlich ist es bei Konrad Hanczuch, der seit seinem zwölften Lebensjahr an der Prozession teilnimmt. In seiner Familie ist diese Tradition seit Generationen lebendig, und sein Vater Blasius Handschuh gehörte nach 1989 zu den Mitbegründern der deutschen Minderheit. Heute reitet Konrad gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter in der Prozession mit und sagt, dass er sich Ostern ohne dieses Ereignis kaum vorstellen könne. Auch für Michaela Karpisz begann alles in der Kindheit. Heute hat sie bereits an 23 Prozessionen teilgenommen und kann sich ein Leben ohne diesen Tag – und vor allem ohne Pferde – nicht vorstellen. Gerade das Osterreiten hat ihre Leidenschaft geprägt: Nach der Arbeit widmet sie sich der Pferdezucht und nimmt an Reitturnieren teil. Sie selbst sagt, dass ihr Lebensweg ohne diese Tradition wohl ganz anders verlaufen wäre.
In all diesen Geschichten kehrt immer wieder eine Person zurück: Gerard Stoszek, für die Teilnehmer der Prozession beinahe eine lebende Legende. Er war es, der die kleine Michaela vor Jahren mit der Liebe zu den Pferden ansteckte und ihr das Reiten beibrachte. Über viele Jahre gehörte er zu jenen, die nicht zuließen, dass das Ritual unterbrochen wurde. Selbst während der pandemiebedingten Einschränkungen tat er alles, damit die Prozession stattfinden konnte. Um nicht aufzufallen, beschloss er, um 5 Uhr morgens mit Konrad Hanczuch in einer zweiköpfigen Prozession aufzubrechen. Alles wurde, wie jedes Jahr, in der Pfarrchronik festgehalten.

In seinem Haus durchdringen sich Alltag und Pferdewelt auf beinahe symbolische Weise – ein Pferd schaut durch eine besondere Öffnung sogar in die Küche hinein, und der gesamte Hof ist dem Rhythmus der Arbeit, der Jahreszeiten und der Fürsorge für die Tiere untergeordnet. An dieser Geschichte ist nichts effekthascherisch. Dafür aber umso mehr schlesische Beständigkeit, Einfachheit und Treue zu dem, was weitervererbt wurde.
Nach dem Ende der Prozession ist Zeit für Pferderennen und für Begegnungen der Einwohner in ihren Privathäusern. Das nimmt diesem Tag nichts von seiner religiösen Würde, sondern vollendet vielmehr seinen Sinn. Das Osterreiten in Benkowitz ist nämlich nicht nur ein Umritt über die Felder, sondern auch Ausdruck der Beständigkeit von Gemeinschaft, Erinnerung und Tradition, die hier nach wie vor mit vollem Ernst gepflegt werden.
