Die Finsternis, die verschwand

35 Jahre Partnerschaft zwischen Warschau und Berlin

Berlin ist die Stadt, aus der einst die dramatischen Befehle zur Bombardierung Warschaus, zur massenhaften Erschießung seiner Einwohner und schließlich zur beinahe vollständigen Zerstörung der Stadt erteilt wurden. Eine erschütternde Bilanz des Unrechts von nahezu kosmischem Ausmaß. Doch wie nach einer Sonnenfinsternis kam ein schöner Tag. Und genau an diesem symbolischen Tag, dem 12. August, reichten sich beide Städte wieder die Hand.

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Foto: Helena Fikus

Nicht mehr der arme Verwandte

Warschau konnte verzeihen. Aber Warschau verstand es auch, zu einem gleichberechtigten Partner zu werden. Nach 35 Jahren Partnerschaft zwischen beiden Hauptstädten tritt es nicht mehr als armer Verwandter auf, dem der wohlhabendere westliche Nachbar den Weg nach Europa zeigt. Warschau kommt nach Berlin als selbstbewusste Stadt – mit ihrer Kultur, ihren eigenen Erfahrungen und ihren Werten, die sie in den gemeinsamen europäischen Raum einbringen kann.

Warschau im Herzen Berlins

Am 12. August war das besonders deutlich zu sehen.

Mitten im Zentrum Berlins, auf der Museumsinsel, zeigte sich Warschau gleich in zwei Facetten. In der Alten Nationalgalerie wurde polnische Malerei präsentiert, und vor dem monumentalen Gebäude stand ein Flügel. Cédric Pescia spielte Chopin und Bach. Das Konzert knüpfte ganz bewusst an eine der bekanntesten Warschauer Traditionen an – die sommerlichen Chopin-Konzerte im Łazienki-Park.

Dabei handelte es sich keineswegs um eine geschlossene Veranstaltung für Diplomaten und Beamte. Die Musik erfüllte den Kolonnadenhof, einen der repräsentativsten Orte auf der Berliner Museumsinsel. Menschen kamen, die von dem Jubiläum wussten, doch auch zufällige Passanten und Touristen blieben stehen. Für einige Stunden wurde polnische Kultur ganz selbstverständlich zu einem Teil des Lebens im Zentrum Berlins.

Nicht Paris, nicht New York. Warschau.

Noch stärker war die Geste der Alten Nationalgalerie. Mit einer neuen Reihe möchte die Berliner Galerie künftig Sammlungen von Nationalmuseen aus verschiedenen Teilen der Welt präsentieren. Als ersten Partner wählte sie nicht Paris oder New York, sondern ausgerechnet das Nationalmuseum in Warschau. In Berlin waren Werke zu sehen, die für die polnische Kunst und den polnischen Blick auf die eigene Geschichte stehen. Matejko. Malczewski. Stryjeńska. Ruszczyc. Und nur wenige Schritte weiter – Chopin.

Ein deutlicheres Bild dafür, wie sehr sich die Beziehungen zwischen beiden Hauptstädten verändert haben, ist kaum vorstellbar.

Vom Schüler zum gleichberechtigten Partner

Als Warschau und Berlin 1991 ihre offizielle Städtepartnerschaft begannen, begegneten sich zwei Städte, die sich in völlig unterschiedlichen Situationen befanden. Berlin war die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands, eines der reichsten Länder der Welt. Warschau war die Hauptstadt eines Landes, das sich gerade erst aus dem Kommunismus befreite und versuchte, seinen Platz im westlichen Europa zu finden.

Lange Zeit war in den deutsch-polnischen Beziehungen daher ein Ton der Asymmetrie zu hören. Deutschland half, Polen holte auf. Deutschland verfügte über Kapital, Technologie und Erfahrung, Polen wollte den Abstand zwischen beiden Ländern so schnell wie möglich verringern. Nach 35 Jahren passt diese Erzählung immer weniger zur Wirklichkeit.

Warschau gehört heute zu den dynamischsten Metropolen Europas. Seine wirtschaftliche Entwicklung, die Infrastruktur, das Tempo der Investitionen und die Fähigkeit, die Stadt grundlegend zu verändern, stoßen auch in Deutschland auf Interesse. Die Berliner Presse beschreibt die polnische Hauptstadt immer häufiger nicht mehr als Schüler des Westens, sondern als eine Stadt, von deren Entwicklungsdynamik selbst Berlin etwas lernen könnte.

Gerade deshalb war das Jubiläum auf der Museumsinsel mehr als nur eine weitere Jahrestagsfeier. Denn in diesen 35 Jahren ist etwas entstanden, das wesentlich dauerhafter ist als eine Partnerschaft, die in den Dokumenten zweier Stadtverwaltungen festgeschrieben wurde.

Es entstanden Tausende Beziehungen zwischen Menschen, Schulen, Universitäten, Kultureinrichtungen, Unternehmen und Organisationen. Mit der Zeit bildeten sie ein Geflecht von Verbindungen, das sich nicht mehr so einfach durch eine politische Erklärung, einen Regierungswechsel oder eine vorübergehende Abkühlung der Beziehungen auflösen lässt.

Verzeihen heißt nicht vergessen

Dabei hätte diese Geschichte völlig anders verlaufen können. Warschau hatte allen Grund, Berlin gegenüber Verbitterung zu bewahren. Das Ausmaß der deutschen Verbrechen in der polnischen Hauptstadt entzieht sich gewöhnlichen Vergleichen. Zuerst wurden ihre Bewohner ermordet. Später, nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands, wurde die Stadt selbst zerstört – systematisch, Gebäude für Gebäude.

Diese Geschichte lässt sich nicht ausradieren. Und das ist auch gar nicht notwendig, um sich zu versöhnen.

Verzeihen bedeutet nämlich nicht vergessen. Im Gegenteil: Verzeihen kann nur, wer sich daran erinnert, was überhaupt vergeben werden soll. Es geht um etwas weitaus Schwierigeres – um die Entscheidung, dass das einer Generation zugefügte Böse nicht automatisch die Beziehungen der folgenden Generationen bestimmen muss. Das ist eine der anspruchsvollsten und zugleich wertvollsten Ideen der christlichen Kultur.

Vielleicht sagte gerade deshalb das Bild von Hunderten Menschen, die vor der Alten Nationalgalerie saßen und Chopin hörten, mehr über die deutsch-polnischen Beziehungen aus als so mancher offizielle Jubiläumstext. Diese Menschen mussten nicht die ganze Zeit an den Zweiten Weltkrieg denken. Sie mussten nicht darüber nachdenken, wer wem noch was zu vergeben hatte. Sie konnten einfach nebeneinander sitzen und der Musik zuhören.

Kein Schatten dauert ewig

Auch die Sonnenfinsternis im August, die das Jubiläum zufällig begleitete, lässt sich deshalb mit einem gewissen Augenzwinkern als erstaunlich treffender Kommentar der Natur zu diesem Ereignis verstehen.

Eine Sonnenfinsternis wirkt mächtig, beinahe endgültig. Mit den Beziehungen zwischen Warschau und Berlin war es ähnlich. Der Schatten war entsetzlich. Er dauerte lange. Er hinterließ Millionen Opfer und Städte in Trümmern. Kein vernünftiger Mensch sollte diesen Schatten kleinreden. Ein solcher Schatten kann für einen Augenblick alles verdecken.

Doch irgendwann verschwindet er. Und die Sonne kommt wieder hervor.

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Helena Fikus