Die Eliten benachteiligen die Einheimischen

Das Leid der Kinder wird in Verachtung ihrer Würde verwandelt

„Die Bleikinder“ zeigen, wie hartnäckig das Bild vom Schlesier als schmutzigem, ungebildeten und hilflosen Menschen fortbesteht. Beschämend ist jedoch nicht die im Film dargestellte Welt, sondern die Sichtweise seiner Autoren: Menschen, die sich nicht von diesem verletzenden Stereotyp befreien konnten und eine beleidigende Vision der schlesischen Gemeinschaft geschaffen haben.

Der Film „Die Bleikinder“ greift eine der bewegendsten Geschichten des Nachkriegs-Schlesiens auf: die Tragödie der an Bleivergiftung erkrankten Kinder in der Nähe von der ehemalige Walther-Croneckhütte und den Mut von Dr. Jolanta Wadowska-Król, die versuchte, die jüngsten Einwohner von Kattowitz entgegen der Logik des Systems der Volksrepublik Polen zu retten.

Das Material war stark genug. Es zeigte das Leid der Kinder, die Angst der Eltern, den Zynismus der Machthaber, die administrative Gewalt und die Einsamkeit der Ärztin, die den Mut hatte, die Wahrheit zu sagen. Es war nicht nötig, diese Geschichte durch die Erniedrigung der betroffenen Menschen zu verstärken.

Und doch haben die Macher des Films von Maciej Pieprzyca eine Erzählung konstruiert, in der die einheimischen Schlesier durch den Filter alter, national-kultureller Vorurteile dargestellt wurden. Es handelt sich hier nicht um einen einfachen Konflikt zwischen der Intelligenz und dem Volk oder zwischen einer gebildeten Ärztin und einem Arbeiterviertel. Es ist etwas Tieferes: Es ist ein arroganter, ablehnender Blick auf die ehemaligen Bürger des preußischen Staates – auf Menschen mit einer eigenen historischen Erfahrung, Sprache, Erinnerung und Sitte.

Dieser Kontext lässt sich ohne die Nachkriegsgeschichte Oberschlesiens nicht verstehen: die Polonisierung von Nachnamen, das Verheimlichen von Deutschkenntnissen, das Misstrauen gegenüber Familien mit Verwandten jenseits der Oder, die Auswanderungen in die Bundesrepublik, aber auch das Misstrauen gegenüber der Zuwandererbevölkerung.

In dieser Sichtweise ist der Schlesier schmutzig, schlampig, verschlossen, misstrauisch, ungebildet und auf Belehrung von außen angewiesen. Ein solches Klischee taucht gelegentlich in der Umgangssprache auf. Das ist immer verletzend. Wenn es jedoch von Kulturkreisen wiederholt wird, von Menschen, die über die Mittel, das Wissen und die Verantwortung für das Weltbild verfügen, wird es zugleich bedrohlich und kompromittierend.

Besonders auffällig ist die Art und Weise, wie Schoppinitz dargestellt wird: Schlamm, Verwahrlosung, Latrinen, stickige Wohnungen, schlampige Menschen, Gewalt, Alkohol, Aberglaube. Dazu die Szene mit dem Hund, der die Wunden eines Kindes leckt – drastisch, einprägsam, dazu bestimmt, nicht nur eine einzelne Situation, sondern den gesamten Raum und seine Bewohner zu charakterisieren. Das ist kein dramaturgisches Mittel mehr. Es ist eine visuelle Anklage gegen die Gemeinschaft.

Nur handelt es sich dabei um eine falsche Anschuldigung. Die einheimische Bevölkerung Schlesiens war eine Gemeinschaft, die von der industriellen Moderne, dem wirtschaftlichen Erfolg der Region, dem Arbeitsethos, der familiären Ordnung und der Kultur der Sauberkeit geprägt war. Armut bedeutete nicht, dass man Schmutz hinnahm. Die Arbeiterwohnung war kein bürgerlicher Salon, aber das Haus blieb ein Ort der Würde. Ein gewischter Boden, saubere Fenster, Ordnung in der Küche und im Treppenhaus gehörten zu den täglichen Pflichten.

Ebenso ungerecht ist das Bild des „ungebildeten Schlesiers“. Oberschlesien wuchs aus den Erfahrungen des preußischen Staates heraus, aus dessen Verwaltungsdisziplin, der Schulpflicht und der Bedeutung der Bildung. In vielen Teilen des wiedergeborenen Polens war Analphabetismus nach 1918 ein dramatisches Problem. In Oberschlesien war das Lesen von Zeitungen weit verbreitet. Diesen Menschen eine fast mittelalterliche Unwissenheit zuzuschreiben, ist daher eine historische Falschdarstellung.

Der Film nimmt noch eine weitere bedeutende Verschiebung vor. Die echte Jolanta Wadowska-Król war mit Schlesien verbunden, sie kannte die Menschen, denen sie half, sie verstand ihre Welt. Die Filmheldin wird eher als Außenstehende dargestellt: rein, rational, modern, im Kontrast zu ihrer Umgebung, die als schmutzig und feindselig gezeigt wird. Dieser Kunstgriff verstärkt das falsche Schema: Die polnische Moderne kommt in die schlesische Unwissenheit.

Dabei hätte man die Misstrauen der Bewohner ehrlich schildern können. Das Stahlwerk bot Arbeit. Das System bestrafte Widerstand. Hinzu kam die Erinnerung an frühere Erfahrungen: Verdächtigungen, nationale Überprüfungen, Assimilationsdruck, die Auswanderung von Angehörigen nach Deutschland und Spannungen mit den Zuwanderern. Das Schweigen musste nicht aus Dummheit resultieren. Es konnte eine Überlebensstrategie von Menschen sein, die gelernt hatten, gegenüber jeder Macht und jeder fremden Stimme Vorsicht walten zu lassen.

Deshalb sind die Szenen so wichtig, in denen sich die schlesischen Frauen auf die Seite der Ärztin stellen. Sie verteidigen sie vor dem Polizeigebäude, später stehen sie der ZOMO gegenüber, obwohl sie geschlagen werden könnten. Die gegen sie gerichteten Schlagstöcke und Gewehrläufe nehmen ihnen nicht den Mut. Diese Szenen zeigen etwas, was der Film nicht konsequent zu begreifen vermag: die Stärke der Einheimischen, die Fähigkeit der Gemeinschaft zu Solidarität und Widerstand. In ihnen hallt das Echo früherer schlesischer Frauenproteste wider, auch jener aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Krise von 1918.

Es geht nicht darum, Jolanta Wadowska-Król ihren rechtmäßigen Platz in der Geschichte abzusprechen. Ihr Mut steht außer Frage. Es geht um etwas anderes: Die Erinnerung an sie sollte nicht erfordern, die Menschen zu beleidigen, denen sie half. Denn die Geschichte von der Rettung der Kinder verliert an moralischer Kraft, wenn man gleichzeitig der Gemeinschaft, aus der diese Kinder stammten, ihre Würde nimmt.

This is some text inside of a div block.
BJ