Der Kołocz spaltete die Klasse

Grenzen, die fortbestehen.

Ein Kołocz mit Mohn und Quark genügte. Einige freuten sich, als bei unserem Klassentreffen plötzlich ein Stück ihres Elternhauses auf dem Tisch stand. Andere verzogen das Gesicht und fragten, warum jemand so einen seltsamen Kuchen bestellt habe. Ein ganz gewöhnliches Klassentreffen zeigte plötzlich, dass Unterschiede, die längst überwunden schienen, noch immer bestehen. Vier Jahre lang waren wir zusammen gewesen. Am Ende zeigte sich jedoch, dass die Geschichten unserer Großeltern, Vorurteile aus dem Elternhaus und die Geschmäcker unserer Kindheit uns stärker geprägt hatten, als wir gedacht hatten.

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Bild: S.Fikus

Gestern war ich bei einem Klassentreffen. Fast alle von uns studieren inzwischen. Wir hatten einen kleinen Saal gemietet. Marcin, der das Treffen organisiert hatte, bestellte ausschließlich Kołocz mit Mohn und Quark. Den besten Kuchen, den man sich vorstellen kann. Zumindest dachte er das.

Die Reaktion kam sofort.

Ein Teil von uns war begeistert. Jemand sagte, er habe schon lange keinen so guten Mohnkuchen mehr gegessen. Jemand anderes begann vom Kołocz seiner Oma zu erzählen. Es kamen Geschichten über Hochzeiten, Feiertage und Sonntage bei den Großeltern auf. Schließlich entwickelte sich sogar eine ernsthafte Diskussion darüber, ob ein richtiger Kołocz mehr Mohn oder mehr Streusel haben müsse.

Am anderen Ende des Tisches fiel die Reaktion völlig anders aus.

– Gab es wirklich keinen normalen Kuchen?

– Bei uns hat man so etwas nie gegessen.

– Das muss doch furchtbar ungesund sein.

– Man muss schon nicht ganz richtig im Kopf sein, um so etwas zu bestellen.

Jemand probierte ein Stück und legte es nach zwei Bissen wieder weg. Jemand anderes wollte nicht einmal kosten. Das Wort „exotisch“ fiel.

Die Vorwürfe gegen Marcin nahmen kein Ende.

Und genau da wurde es interessant.

Schließlich saßen wir an einem Tisch. Vier Jahre lang waren wir in derselben Klasse gewesen. Wir waren in derselben Stadt aufgewachsen. Wir hatten dieselben Lehrer und nutzen heute dieselben sozialen Medien. Wir glaubten, ungefähr derselben Welt anzugehören.

Dann lag plötzlich Kołocz auf dem Tisch – und diese Selbstverständlichkeit zerbrach.

Für die einen war er einfach ein seltsamer Kuchen. Für die anderen löste er eine ganze Kette von Assoziationen aus: das Haus der Großeltern, Feiertage, Hochzeiten, Küchengerüche, die Stimmen der Älteren, Familiengeschichten, die nicht selten auf Deutsch erzählt worden waren. Geschmack verband sich mit Emotion, Geborgenheit, Ort und konkreten Menschen.

Erst am nächsten Tag dachte ich, dass Kultur vielleicht genau so funktioniert.

Sie ist schließlich nicht nur eine Ansammlung von Überzeugungen, die wir bewusst wählen. Ein großer Teil von ihr entsteht viel früher. Am Familientisch. In den Geschichten, die wir als Kinder hören. In Dingen, die uns so selbstverständlich erscheinen, dass wir lange überhaupt nicht bemerken, dass sie auch anders sein könnten.

Erst die Begegnung mit jemandem, für den unsere Selbstverständlichkeiten fremd sind, macht die Grenze der eigenen kulturellen Welt sichtbar.

Genau deshalb kann Kołocz mehr bedeuten als nur Kołocz.

An einem Kuchen mit Mohn und Quark ist für sich genommen nichts ausschließlich Schlesisches. Der Kołocz ist vielmehr über Jahrzehnte zu einem festen Bestandteil des Alltags autochthoner oberschlesischer Familien geworden. Er wurde zu einem Teil ihrer Lebenswelt – neben Sprache.

Vielleicht ist es gerade die Globalisierung, die solchen lokalen Bezugspunkten eine neue Bedeutung verleiht. Je leichter wir Städte, Länder und soziale Milieus wechseln, desto stärker brauchen wir eine Antwort auf die einfache Frage: Woher komme ich?

An unserem Tisch stellte sich diese Frage schneller, als irgendjemand erwartet hatte.

Jemand begann auf Schlesisch von seiner Familie in Deutschland zu erzählen. Jemand anderes entgegnete, wir seien schließlich in Polen und dieses ständige Zurückkehren zur deutschen Vergangenheit Schlesiens sei heute ein Anachronismus. Wieder jemand anderes widersprach: Warum sollte die Erinnerung einer Familie anachronistisch sein, nur weil sie nicht in eine einzige nationale Erzählung passt?

Plötzlich wurde aus dem Gespräch über Kuchen ein Gespräch über Geschichte. Wir sprachen über die Volksabstimmung und über Grenzen. Es tauchte die Frage auf, ob ein Mensch sich für eine einzige nationale Erzählung entscheiden müsse, um zu wissen, wer er ist.

Dann ging der Streit noch weiter.

Ich hörte dieser sehr laut geführten Diskussion zu und begann mich zunehmend über etwas anderes zu wundern: Woher kommen bei Menschen, die kaum älter als zwanzig sind, so starke Emotionen gegenüber Ereignissen, die sie selbst nie erlebt haben?

Die Antwort lag eigentlich auf dem Tisch.

Nicht unser Geschichtsunterricht in der Schule hatte diese Emotionen hervorgebracht. Viel früher hatten es die Familiengeschichten getan. Die einen waren mit Erzählungen aufgewachsen, ihre Vorfahren hätten für Polen gekämpft. Die anderen hörten Geschichten über Familien, die seit Jahrhunderten in Oberschlesien lebten, über ein deutsches Zuhause und über den Ersten Weltkrieg.

Vier Jahre gemeinsamer Schulzeit hatten das nicht ausgelöscht.

Und genau das war für mich wohl die größte Überraschung. Eine postpreußische Identität, die man leicht für ein Relikt der älteren Generation halten könnte, erwies sich als viel stärker, als ich vermutet hatte. Sie muss sich weder in einer Fahne noch in einer politischen Erklärung äußern. Sie kann über Jahre im Geschmack eines Kołocz verborgen bleiben.

In diesem Moment dachte ich, dass die wichtigsten Traditionen einen Tisch brauchen. Sie brauchen eine Familie.

Das zeigt auch, dass die Eigenständigkeit ethnischer Gemeinschaften im Zuge der Globalisierung nicht zwangsläufig verschwinden muss. Sie braucht jedoch ihre Erinnerungsorte, ihre Erzählungen, ihre Symbole – und auch ihre kulinarischen Vorlieben.

Am Ende des Abends blickte ich noch einmal auf den Tisch. Auf der einen Seite war kein Kołocz mehr übrig. Auf der anderen lagen noch viele unberührte Stücke. Einige Stunden zuvor hätte ich das einfach für einen Unterschied im Geschmack gehalten.

Am nächsten Tag war ich mir da nicht mehr so sicher.

Der Kołocz hatte zwischen uns keine Grenze geschaffen. Sie war schon vorher da. Sie verlief durch die Familiengeschichten und durch die Welten unserer Großeltern.

Der Kołocz hatte nur dafür gesorgt, dass sie für einen Abend sichtbar wurde.

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Paweł Keta