Auf Initiative der Deutschen in Beuthen nahm der einstige preußische Oberbürgermeister der Stadt wieder vor seinem Haus „Platz“. Der Stadtrat stimmte zu, ein städtisches Unternehmen stellte das Geld bereit, und vor der Villa Georg Brünings wurde eine Denkmalbank mit seiner Figur aufgestellt. Das heutige Beuthen behandelte ihn nicht wie einen Fremden. Die Stadt erkannte ihn als Teil ihrer eigenen Geschichte an.

Im Jahr 1901 schenkten die Einwohner des damaligen Beuthen Georg Brüning eine wunderschöne Jugendstilvilla. 125 Jahre später ließ ein polnisches städtisches Unternehmen vor diesem Haus ein Denkmal für ihn errichten. Einen überzeugenderen Beweis für die historische Kontinuität der Stadt kann es kaum geben.
Der spätere Oberbürgermeister Beuthens wurde am 12. August 1851 in Botzlar in Westfalen als Sohn einer Beamtenfamilie geboren. Er studierte in Bonn, München und Göttingen und interessierte sich für Rechts- und Staatswissenschaften. Nach Oberschlesien kam er durch Zufall. In einer Zeitung las er von der Ausschreibung der Stelle des Beuthener Bürgermeisters und schickte seine Bewerbung ab, ohne sich besondere Hoffnungen zu machen. Die Stadtverordneten waren von dem jungen, energischen und weltläufigen Kandidaten beeindruckt.
So kam Brüning 1883 in eine Region, über die Johann Wolfgang von Goethe einige Jahrzehnte zuvor geschrieben hatte, sie liege „fern von gebildeten Menschen, am Ende des Reiches“.
Brüning nahm seine Aufgaben mit der ihm eigenen Energie in Angriff. Unter seiner Führung wurde die erste Straßenbahnlinie Oberschlesiens in Betrieb genommen. Kanalisations- und Wasserleitungsnetze sowie die erste biologische Kläranlage Europas wurden gebaut. Gas- und Stromnetze entstanden, ebenso Schulen, Krankenhäuser und öffentliche Gebäude.
In Brünings Amtszeit wurden unter anderem die Katholische Realschule und das Königliche Hygiene-Institut gegründet. 1898 entstand ein Zoologischer Garten, der später im Zoo des Schlesischen Parks in Königshütte seine Fortsetzung fand.
Zu den wichtigsten Vorhaben gehörte das Stadttheater – der erste Bau dieser Art in Oberschlesien. Heute befindet sich in seinem Gebäude die Schlesische Oper.
Als Brüning sein Amt antrat, hatte Beuthen rund 22.000 Einwohner. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es bereits fast 70.000. Während seiner Amtszeit wuchs die Bevölkerung der Stadt damit beinahe auf das Vierfache.
Brüning war auch für seine offene und tolerante Haltung bekannt, die ihm den Respekt polnischer Kreise einbrachte. Dass Wojciech Korfanty ausgerechnet Beuthen zum Sitz des Polnischen Plebiszitkommissariats machte, war vermutlich kein Zufall. Seine Entscheidung hing auch mit der in der Stadt herrschenden Atmosphäre zusammen.
Brüning erkannte jedoch den Nationalitätenkonflikt, der sich nach dem Ersten Weltkrieg in Oberschlesien zuspitzte. Eine Woche vor Ausbruch des Schlesischen Aufstands im Jahr 1919 trat er als Oberbürgermeister zurück. Vermutlich wollte er sich nicht an der beginnenden nationalitätenpolitischen Auseinandersetzung beteiligen.
Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand genoss Brüning in Beuthen weiterhin außerordentliches Ansehen. 1926 wurde er anlässlich seines 75. Geburtstags zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.
Georg Brüning starb am 17. September 1932, wenige Monate vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Er wurde auf dem Beuthener Friedhof Mater Dolorosa beigesetzt. Seine Beerdigung wurde zu einer großen Kundgebung der Stadtbevölkerung. Nach seinem Tod wurde eine Schule nach ihm benannt, ebenso eine Straße.
Später brachen Ereignisse über Beuthen herein, die diese Atmosphäre für immer hätten zerstören müssen. Zunächst kamen die Exzesse des Hitlerregimes, nach 1945 die kommunistische Demoralisierung und der Versuch, alles Deutsche auszulöschen.
Brünings Name wurde aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt. Seine bereits hochbetagte Witwe wurde aus ihrem eigenen Haus vertrieben. Zuflucht fand sie bei Ordensschwestern. Brünings Grab fand jahrelang keinerlei Beachtung und wurde 1981 schließlich eingeebnet. Bis heute erhalten blieb eine Tafel am Grab seiner Frau und seiner Kinder.
Es konnte scheinen, als sei die Erinnerung endgültig abgerissen worden. Doch es zeigte sich, dass sich nicht alles durch einen Verwaltungsakt auslöschen lässt. Die Toleranz, die Beuthen in der Zeit Brünings ausgezeichnet hatte, überdauerte in seinen Einwohnern alle historischen Erschütterungen.
Die Erinnerung an den Oberbürgermeister begann erst im 21. Jahrhundert zurückzukehren. 2005 wurde am Familiengrab eine ihm gewidmete Tafel angebracht. 2014 benannte der Stadtrat den Platz vor dem Rathaus nach Georg Brüning, ein Jahr später wurde dort eine Gedenktafel aufgestellt.
Zur treibenden Kraft hinter der Rückkehr Brünings in das Gedächtnis der Stadt wurde der DFK in Beuthen. Der Vorsitzende der dortigen TSKN-Ortsgruppe, Marcus Tylikowski, nahm Kontakt zu den in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Nachfahren des Oberbürgermeisters auf. Die Familie übergab der Stadt Dokumente, Fotografien und persönliche Erinnerungen.
Die gemeinsame Initiative der deutschen Minderheit und der Familie Brüning fand die Zustimmung der Stadtverwaltung. Man beschloss, den Oberbürgermeister mit einem aus Bronze gegossenen Bankdenkmal zu ehren, das ihn sitzend darstellt. Die Kosten übernahmen die städtischen Wasserwerke. Genau an dieser Stelle zeigt sich das zweite Phänomen dieser Geschichte.
In anderen Teilen Oberschlesiens wenden die Organisationen der deutschen Minderheit viel Kraft dafür auf, Sitze in Stadträten und anderen kommunalpolitischen Gremien zu gewinnen. Nicht selten gelingt es ihnen, eine politische Vertretung zu erlangen. Für die deutsche Gemeinschaft selbst erwächst daraus jedoch nur wenig.
In Beuthen ist es umgekehrt. Die deutsche Minderheit hat keine eigenen Vertreter im Stadtrat. Sie konzentriert sich auf kulturelle Arbeit und die Wiederherstellung der historischen Kontinuität der Stadt. Auf diese Weise gelang es ihr, einen Mann zu würdigen, ohne den das heutige Beuthen kaum vorstellbar wäre.
Brünings Bankdenkmal steht zugleich für ein wesentlich umfassenderes Phänomen. Es zeigt, dass die offene Atmosphäre aus Brünings Zeit nicht verschwunden ist. Sie überdauerte den Nationalsozialismus, die Verschiebung der Grenzen, die kommunistischen Verirrungen und Jahrzehnte der Auslöschung deutscher Geschichte. Fast hundert Jahre nach dem Tod des Oberbürgermeisters nahm das polnische Beuthen seine Rückkehr ohne Protest hin.
In Zeiten antideutscher Hysterie in Polen gewinnt die Ehrung eines preußischen Oberbürgermeisters eine besondere Bedeutung. Zumal Georg Brüning keinerlei Verbindungen zu Polen hatte. Er wurde nicht gewürdigt, weil er sich in die polnische Geschichte einordnen ließe. Er kehrte zurück, weil er zur Geschichte Beuthens gehörte.