In dem kleinen Dorf Wiersbel bei Lamsdorf fordern die Nachkommen von polnischen Neusiedler, die sterblichen Überreste der Luftwaffenpiloten als Teil der lokalen Geschichte zu würdigen. Diese Bitte zeugt von ihrer europäischen Reife, Toleranz und Offenheit gegenüber der komplexen Vergangenheit der Region. Diese Initiative war den institutionellen Eliten Oppelns offenbar zu heikel, sodass sie im Namen der politischen Korrektheit vermutlich bemüht waren, sie möglichst geräuschlos zu übergehen.

Seit mindestens zwei Jahrzehnten beobachten wir in den Metropolen auf dem ehemaligen deutschen Gebiet einen Prozess der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit dieser Regionen. Historische Stadtstrukturen, alte Architektur, Schilder und Wandwerbung werden zunehmend bewusst als Teil des eigenen Erbes wahrgenommen. Deutsche werden nicht mehr ausschließlich als Feinde gesehen, sondern immer häufiger als ehemalige Nachbarn, die weggegangen sind und bestimmte kulturelle und zivilisatorische Traditionen hinterlassen haben.
Dieser Prozess ist besonders deutlich in Breslau zu beobachten – einer große Stadt, deren europäischer Charakter sowie ihr starkes akademisches und künstlerisches Umfeld einer neuen Sichtweise auf die Geschichte förderlich sind. Es handelt sich jedoch nicht um einen allgemeinen Prozess, und er hat viele Gegner. Darüber hinaus betraf diese Wiederherstellung deutscher Spuren bislang vor allem Denkmäler und historische Objekte, die keinen Bezug zu der düstersten Epoche der deutschen Geschichte, dem Dritten Reich, hatten.
Unterdessen entstand im tiefsten Hinterland, im rund 530 Einwohner zählenden Wiersbel bei Lamsdorf, eine Initiative, die man eher in der Hauptstadt der Region als in einem kleinen Dorf erwarten würde. Eine Gruppe von Einwohnern – Nachkommen von Nachkommen der nach 1945 angesiedelten Polen – setzte sich dafür ein, die Gräber deutscher Flieger, die auf dem Kriegsgefangenenfriedhof in Lamsdorf beigesetzt sind, an Ort und Stelle zu belassen.
Gerade in Wiersbel , unweit des Kriegsgefangenenlagers in Lamsdorf, befand sich während des Krieges eine Flugschule der deutschen Luftwaffe. Unter den Kriegsbedingungen, als es an der Front an Piloten mangelte, wurde die Ausbildung in Eile und unter enormem Druck durchgeführt. Junge Flugschüler, die oft nur über geringe Erfahrung verfügten, wurden nach wenigen Versuchen zu Alleinflügen zugelassen. Unfälle ereigneten sich häufig, und immer wieder fielen junge Piloten ihnen zum Opfer.
Einer von ihnen war der 22-jährige Hermann Bultmann, der mit seiner Messerschmitt Me 109 auf die Landebahn prallte. Das Flugzeug ging in Flammen auf, und der Pilot kam auf der Stelle ums Leben. Er wurde – wie auch andere verstorbene Flieger – auf dem alten Kriegsgefangenenfriedhof in Lamsdorf beigesetzt. Sie wurden mit militärischen Ehren in einem eigens dafür vorgesehenen Bereich mit Erdgräbern beerdigt. Aus den Unterlagen geht hervor, dass vor der Beisetzung versucht wurde, Kontakt zu den Familien aufzunehmen.
Nach 1945 sollten alle Spuren der deutschen Präsenz verschwinden. Die Gräber wurden eingeebnet, das Gelände in eine Wiese umgewandelt, auf der viele Jahre lang Kühe weideten. So lautete die Nachkriegsordnung: Von den Deutschen sollte nichts übrig bleiben – weder Namen noch Gedenkmale noch Spuren ihrer Anwesenheit. Erst vor kurzem stieß man bei archäologischen Arbeiten zufällig auf die Überreste. Das Museum in Lamsdorf informierte gemäß dem geltenden Verfahren den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge – eine im Auftrag des deutschen Staates tätige humanitäre Organisation – über den Fund. Sie befasst sich mit der Auffindung, Exhumierung, Bestattung und Pflege der Gräber deutscher Kriegsopfer im Ausland. Ihr Hauptsitz befindet sich in Kassel.
Auf deutscher Seite wurde daher das übliche Verfahren eingeleitet, das die Überführung der gefundenen sterblichen Überreste auf den zentralen deutschen Soldatenfriedhof in Groß Nädlitz bei Breslau vorsieht. Alles gemäß den Vorschriften, gemäß der Routine, gemäß der gängigen Praxis.
Gegen diese Pläne wandte sich eine Gruppe lokaler Aktivisten unter der Führung von Daniel Podobiński. Ihre Haltung hatte nichts mit Revisionismus zu tun. Ganz im Gegenteil. Sie waren sich voll und ganz bewusst, dass es sich um Soldaten einer Formation handelte, die zu der Armee gehörte, die im September 1939 Polen überfallen und dem polnischen Volk unvorstellbares Leid zugefügt hatte. Sie idealisierten die Wehrmacht nicht, sie beschönigten das Dritte Reich nicht, sie versuchten nicht, die Rollen von Tätern und Opfern zu vertauschen.
Und doch entschied sich Daniel Podobiński, nicht der naheliegenden nationalen Sichtweise zu folgen, sondern über nationale Gegensätze hinauszugehen. Er erkannte, dass der ehemalige Flugplatz in Wiersbel und die Gräber der jungen Flugschüler Teil der Geschichte ihres Ortes sind. Er argumentierte, dass diese vergessenen Gräber Teil der historischen Landschaft seien, in der die heutigen Bewohner leben und mit der sie sich ehrlich auseinandersetzen sollten.
Wie Daniel Podobiński sagt, gehören die deutschen Flieger nicht zu ihren Familien. Es geht jedoch um die Notwendigkeit, „Erinnerung aktiv zu gestalten“, darum, die Geschichte einer früheren Gemeinschaft wiederzuentdecken, die einst in dieser Landschaft lebte, in der heute andere Menschen leben. Deshalb haben die Einwohner von Wiersbel dazu aufgerufen, die gefundenen Überreste an ihrem ursprünglichen Begräbnisort zu belassen.
Ihre Argumentation war durchdacht, schlüssig und moralisch ernsthaft. Sie waren der Ansicht, dass die Flieger mit Respekt beigesetzt worden seien, dass sich ihre Gräber auf einem alten Kriegsgefangenenfriedhof befänden, der unter besonderem staatlichem Schutz stehe, und somit an einem Ort, der eine angemessene Pflege und die Bewahrung ihres Andenkens garantiere.
Sie forderten in einem Appell die Wiederherstellung der Umrisse der ehemaligen Gräber, die Aufstellung von Kreuzen mit den Vornamen, Nachnamen sowie den Geburts- und Sterbedaten der Flieger und vor allem, dass die sterblichen Überreste in Lamsdorf verbleiben.
In ihrer Denkweise gab es jedoch noch etwas Wichtigeres. Sie sahen einen besonderen Wert gerade darin, dass auf einem einzigen Friedhof Täter und Opfer nebeneinander ruhen, Angehörige der Armee des Dritten Reiches und Kriegsgefangene, die Opfer desselben Systems waren. Diese Koexistenz ist nicht bequem, aber gerade deshalb ist sie wertvoll. Lamsdorf sollte kein Ort einer sterilen und geglätteten Geschichte sein. Es sollte reizen, zu Fragen anregen und dazu zwingen, über das komplexe Geflecht aus Schuld, Tod und Leid nachzudenken.
In seinem Appell betonte Podobiński, dass die gefundenen Überreste ein Zeugnis für die komplexe, aber gemeinsame Geschichte ihrer Region seien. Er forderte eine öffentliche Debatte statt einer administrativen Entscheidung hinter verschlossenen Türen.
Daniel Podobiński richtete seinen Appell an verschiedene Institutionen – an das IPN, an das Museum, aber auch an den deutschen Volksbund. Und genau hier beginnt der politisch brisanteste Teil der ganzen Angelegenheit.
In der Zentrale des Volksbundes wurde der Appell ernst genommen. Er bildete den Ausgangspunkt für ein Treffen, das vom Museum für Kriegsgefangene (Centralne Muzeum Jeńców Wojennych) in Oppeln organisiert wurde. Nach Oppeln reisten hochrangige Vertreter der deutschen Organisation: Artur Berger aus Kassel und Joachim Franke, der den Volksbund in Polen vertritt. Beide nahmen die Angelegenheit – wie aus Berichten hervorgeht – ernst und gingen davon aus, dass im Falle einer Entscheidung über die Umbettung die Stimme der lokalen Gemeinschaft ausschlaggebend sein sollte und dass gegen ihren Willen nichts geschehen dürfe.
Und genau in diesem Moment geschah etwas, das man kaum als Zufall bezeichnen kann. Weder Daniel Podobiński noch die Unterzeichner des Appells wurden zu dem Treffen eingeladen. Es wurden nicht die Menschen eingeladen, die die ganze Angelegenheit ins Rollen gebracht hatten, die ihr eine neue moralische und politische Dimension verliehen hatten. Es wurden nicht diejenigen eingeladen, die in dieser Angelegenheit am meisten zu sagen hatten.
An dem Treffen nahmen hingegen Vertreter des Museums, der Gemeindeverwaltung und des Volksbundes teil. Wie Berger und Franke übereinstimmend berichten, wurde während des gesamten Treffens kein einziges Wort des Widerspruchs gegen den Plan zur Verlegung der Gräber geäußert. Weder seitens des Museums noch seitens der Gemeindevertreter, die – wie man den Eindruck gewinnen könnte – sich nicht voll und ganz bewusst waren, dass gerade sie als Eigentümer des Geländes in dieser Angelegenheit das entscheidende Wort haben. Im Gespräch mit „Spectrum Direct“ betonte der stellvertretende Bürgermeister Jerzy Rosiński hingegen, dass er nichts dagegen habe, dass die Flieger auf dem alten Kriegsgefangenenfriedhof bleiben, und dass die Gemeinde bereit sei, die Pflege der Gräber zu übernehmen.
Artur Berger und Joachim Franke verließen Opole also in der Überzeugung, dass die örtliche Bevölkerung die Gräber der Flieger in Lamsdorf nicht wolle. Deshalb kamen sie zu dem Schluss, dass das Verfahren zur Überführung der sterblichen Überreste fortgesetzt werden sollte. Ein krasseres Beispiel für eine institutionell vertane Chance zur Versöhnung ist kaum vorstellbar.
Denn im kleinen Wiersbel entstand eine wahrhaft europäische, ausgereifte und mutige Initiative – doch die Eliten aus Oppeln waren weder in der Lage, sie anzuerkennen, noch sie zu respektieren. Podobiński wurde nicht als jemand behandelt, der versucht, nationale Stereotypen zu überwinden und Verantwortung für die gesamte, auch deutsche Geschichte des Ortes zu übernehmen. Man behandelte ihn wie einen lästigen Sonderling, den man am besten aus dem Blickfeld entfernen sollte. Anstatt eine Debatte zuzulassen, organisierte man ein Treffen ohne diejenigen, die das moralische und gesellschaftliche Recht hatten, daran teilzunehmen.
In einer Region, die so gerne von Multikulturalität, Grenzraum, Dialog und Versöhnung spricht, waren es nicht die großen Institutionen, sondern die Bewohner eines kleinen Dorfes, die als Erste gezeigt haben, was es bedeutet, die deutsche Vergangenheit als Teil der eigenen Erinnerungslandschaft anzuerkennen. Mehr noch: Sie sind weitaus weiter gegangen als ähnliche Aktivisten in Breslau. Sie haben nicht um die Erhaltung eines historischen Gebäudes oder einer alten Inschrift gebeten, sondern um die Achtung der Gräber von Soldaten der Angreiferarmee. Genau das verleiht dieser Haltung ihr wahres moralisches Gewicht.
Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sich das Thema für einen Teil der Elite in Oppeln schlichtweg als zu heikel erwiesen hat. Zu brisant, zu politisch, zu wenig eindeutig. Es war einfacher, die Angelegenheit stillschweigend im Rahmen des Verfahrens unter den Teppich zu kehren, ohne das Risiko einer breiteren Diskussion einzugehen.
Für Podobiński und seine Mitstreiter bleibt jedoch ein Funken Hoffnung. Artur Berger aus Kassel hat zugesagt, noch einmal nach Oppeln zu kommen, schon allein, um sich persönlich mit den Initiatoren des Aufrufs zu treffen. Das ist ein wichtiges Signal. Es bedeutet nämlich, dass man auf deutscher Seite die Bedeutung dieser Initiative und ihre authentisch europäische Dimension würdigt.
Kleines Wiersbel ist zu einer Quelle der Weitsicht geworden, zu der Oppeln offenbar noch nicht herangewachsen ist.