Pragmatismus oder Zweideutigkeit

Schlesische Kommunalpolitiker zwischen regionaler Formel und Minderheitenklausel

Vertreter des Schlesischen Kommunalverbands wollen bei den Sejm-Wahlen ein eigenes Komitee bilden. Das Projekt soll als regionale Initiative auftreten, die den autochthonen Kreisen gegenüber offener ist, doch ins Parlament möchte man dank der für nationale Minderheiten vorgesehenen Regelung gelangen. Dies wirft die Frage nach der politischen Identität dieses Vorhabens auf.

Die Ankündigung der Teilnahme der Schlesischen Kommunalpolitiker an den Parlamentswahlen kann als Versuch gedeutet werden, die parlamentarische Vertretung in einer neuen Form zurückzugewinnen. Nach dem Verlust der Vertretung der deutschen Minderheit im Sejm entsteht ein Projekt, das nicht mehr ausschließlich die Sprache der klassischen Minderheitenvertretung sprechen will, sondern im weiteren Sinne – die Sprache regionaler und kommunalpolitischer Interessen.

Und genau das macht diese Idee politisch interessant. Es ist unklar, ob es sich lediglich um einen Namenswechsel oder um eine tatsächliche Änderung der Ausrichtung handelt. Einerseits entspringt das neue Projekt dem bisherigen Umfeld der deutschen Minderheit. Andererseits will es über deren traditionelle Grenzen hinausgehen und auch jene erreichen, die sich eher mit dem Schlesischen, dem Lokalen und ihrer Familiengeschichte identifizieren als mit einer klar ausgeprägten deutschen Identität.

Łukasz Jastrzembski betont deutlich, dass „das Komitee eine Minderheit sein wird“ und seine Mitglieder „Angehörige der nationalen Minderheit sein werden und damit die formale Voraussetzung erfüllen“. Gleichzeitig betont er jedoch, dass es sich um eine „vor allem regionale“ Gruppierung handelt. In dieser doppelten Definition liegt das ganze Wesen des neuen Projekts: Formal stützt es sich auf den Minderheitenstatus, politisch will es jedoch als Vertreter regionaler Interessen auftreten.

Jastrzembski macht auch keinen Hehl daraus, dass es um eine Antwort auf die Schwäche der aktuellen landesweiten Politik geht. Wie er sagt, „befinden sich die großen Parteien in der landesweiten Politik im Konflikt“, weshalb eine „reale Möglichkeit, im Interesse der Menschen und nicht der Parteien zu handeln“, notwendig sei. Seiner Sichtweise nach sollen die Schlesischen Kommunalpolitiker eine Alternative zur Logik der Parteizentralen sein, eine in der Kommunalpolitik verwurzelte Gruppierung ohne „Fallschirmjäger aus der Zentrale“, für die die Belange der Region zweitrangig sind.

Diese Argumentation klingt auch deshalb überzeugend, weil sie sich nicht von der bisherigen Basis abgrenzt. Jastrzembski betont, dass „die Mitglieder des Komitees der Schlesischen Kommunalpolitiker Menschen sind, die sich nicht von ihren deutschen Wurzeln abgrenzen“, und dass „Minderheiten einen wichtigen Aspekt des regionalen Lebens darstellen“. Es geht also nicht darum, mit dem Deutschen zu brechen, sondern darum, es in die umfassendere Geschichte der Region einzubetten.

Das ist sicherlich kein Zufall. In vielen Familien wird heute nicht mehr Deutsch, sondern Schlesisch gesprochen.Viele Menschen mit deutschen Wurzeln wollen ihre Herkunft nicht laut zur Schau stellen, oft aus Gewohnheit zur Vorsicht, manchmal aus Angst vor Ausgrenzung. Für einen Teil von ihnen ist die klassische Minderheitenerzählung zu eng oder zu schwer öffentlich zu akzeptieren geworden. Die Formel der Schlesischen Kommunalpolitiker könnte sich daher als Versuch erweisen, jene zu erreichen, die kulturell nah sind, aber psychologisch auf Distanz bleiben.

In diesem Sinne könnte das Schlesische eine Brückenfunktion erfüllen. Nicht als Alternative zum Deutschen, sondern als eine vertrautere Sprache, die weniger belastet und stärker im Alltag verwurzelt ist. Das ist eine umfassendere Erzählung als nur die Minderheitenerzählung. Vielleicht ist es gerade diese Formulierung, die es heute ermöglicht, vom deutschen Erbe in Oberschlesien nicht nur als Erinnerung an eine vergangene Welt zu sprechen, sondern als Element der Zukunft der Region.

Es mangelt jedoch nicht an skeptischen Stimmen. Der ehemalige Abgeordnete Henryk Kroll macht keinen Hehl aus seinen Zweifeln, wen das neue Projekt eigentlich vertreten soll. Seiner Ansicht nach hätten sich die Initiatoren, wenn sie klar zum Ausdruck bringen wollten, dass sie eine Minderheit sind, einfach unter diesem Namen präsentiert. Die derzeitige Konstruktion erscheint ihm wie ein politischer Spagat: der Versuch, die Befreiung von der 5-Prozent-Hürde zu nutzen und sich gleichzeitig teilweise von einem eindeutig deutschen Namen abzugrenzen. Kroll hält dies für nicht ganz ehrlich.

Er hat auch politische Bedenken. Seiner Meinung nach könnte eine solche Konstruktion auf Ablehnung bei den großen Parteikreisen stoßen, sowohl auf Seiten der PiS als auch der KO. Er weist zudem darauf hin, dass schon der Name „Śląscy Samorządowcy“ zusätzliche Fragen aufwerfen könnte, da er eine umfassendere schlesische Identitätsformel suggeriert, die im polnischen Rechtssystem ja nicht selbstverständlich ist.

Kroll bezweifelt zudem das Mobilisierungspotenzial dieses Projekts. Seiner Ansicht nach schrumpft die traditionelle Wählerschaft der Minderheit deutlich und altert. Der Erfolg bei den Kommunalwahlen beruhte weitgehend auf lokalen Verbindungen und dem „Stimmen für die eigenen Leute“ in den Gemeinden. Bei den Parlamentswahlen könnte dieser Effekt deutlich schwächer ausfallen.

Ähnlich sieht es Bernard Sojka. Seiner Meinung nach erinnert die Formel der Schlesischen Kommunalpolitiker eher an ein Hin-und-her-Manövrieren als an eine klare politische Linie. Seine Vorbehalte zeigen, dass die Frage nach der Transparenz durchaus real werden kann.

Und doch muss dies nicht bedeuten, dass die Initiative an sich zum Scheitern verurteilt ist. Die Zweifel von Henryk Kroll und Bernard Sojka sind ernst zu nehmen und zeigen, dass die neue Formel ihre Transparenz, Glaubwürdigkeit und politische Sinnhaftigkeit erst noch unter Beweis stellen muss. Andererseits lässt sich das Argument von Łukasz Jastrzembski kaum ignorieren, dass es heute „keinen einzigen Abgeordneten gibt, der die Interessen einer nationalen Minderheit vertritt“, und dass diese Angelegenheiten „nicht mehr so gut im Blick behalten werden wie früher“. Wenn es den Schlesischen Kommunalpolitikern gelingt, die regionale Sprache überzeugend mit der Vertretung von Minderheitengruppen zu verbinden, könnte sich ihr Projekt für die Region als wirklich notwendig erweisen.

Łukasz Jastrzembski und seinen Verbündeten kann man also viel Glück wünschen – denn aus Sicht der Region Opole wäre es gut, wenn sich dieses Konzept als dauerhaft, glaubwürdig und politisch wirksam erweisen würde.

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peter karger