25.7.2026

Ein polnischer Eindringling in der romantischen Idylle

Wie Elch Bert in Brandenburg zum Prominenten wurde

Eingezäunte Weiden und deutsche Kühe sind in den Blick polnischer Elche geraten. Offenbar gelangweilt von den Lichtungen der Lubliner Region und des Białowieża-Urwaldes, zogen sie auf der Suche nach neuen Revieren nach Westen – und, wie sich herausstellte, auch nach gesellschaftlichen Abenteuern. Männliche Elche aus Polen sorgen heute in Brandenburg zugleich für Belustigung, Entsetzen und Ratlosigkeit. Umso mehr, als diese Tiere hier seit beinahe 200 Jahren nicht mehr heimisch waren.

Fot. Manfred Richter

Drang nach Westen

Die Rückkehr der Elche nach Deutschland löst noch immer erhebliche, nichtselten irrationale Ängste aus. Biologen haben keinen Zweifel daran, dass dieTiere aus Polen eingewandert sind. Sie können ohne Mühe 30 Kilometer am Tagzurücklegen, und eine Staatsgrenze hat für sie selbstverständlich keinerleiBedeutung.

Die Deutsche Wildtier Stiftung, die sich mit der Beobachtung und dem Schutzwild lebender Tiere befasst, weist darauf hin, dass sich in Brandenburg bereitseine kleine Elchpopulation gebildet hat. Mehr noch: Es wurde beobachtet, dassdie Tiere begonnen haben, sich in der Fremde fortzupflanzen.

Elch Bert auf der Suche nach einer deutschen Partnerin

Das ist jedoch noch nicht die größte Sensation. Männliche Elche leben nichtin Herden. Sie sind Einzelgänger und durchstreifen große Gebiete auf der Suchenach einer Gefährtin. Es fällt schwer, dieses biologische Phänomen ganz ohneSchmunzeln zu kommentieren, doch die polnischen Elche in Brandenburg habenoffenbar eine besondere Vorliebe für deutsche Kühe entwickelt.

Den größten Ruhm erlangte ein Elch, dem man den Namen Bert gab. Anstattweiterzuziehen, beschloss er, sich dauerhaft im Naturpark Nuthe-Nieplitzniederzulassen. Und statt konsequent an der elchtypischen Einsamkeitfestzuhalten, suchte er mit bemerkenswerter Ausdauer die Gesellschaft deutscherKühe.

Beobachter stellten erstaunt fest, dass er viele Wochen lang mitten ineiner Rinderherde lebte, die auf den Wiesen der Region Hoher Fläming inBrandenburg, südwestlich von Berlin, weidete. Der Besitzer der Herde berichteteim öffentlich-rechtlichen Mitteldeutschen Rundfunk, Bert habe sich jeden Tageine Lieblingskuh ausgesucht und sei ihr anschließend bis zum Abend vollerBegeisterung hinterhergelaufen. Auf diese Weise erlangte er große Bekanntheitund wurde zu einem lokalen Prominenten.

Schon Julius Caesar machte Jagd auf sie

Elche, die eine Schulterhöhe von bis zu 2,30 Metern erreichen und bis zu800 Kilogramm wiegen können, waren im antiken Germanien weit verbreitet. SogarJulius Caesar erwähnte sie. In seinem Werk „Der Gallische Krieg“ behauptete er,diese majestätischen Säugetiere besäßen keine Kniegelenke und müssten deshalbim Stehen schlafen, indem sie sich an Baumstämme lehnten.

Nach Darstellung des römischen Feldherrn jagten die Germanen Elche, indemsie Bäume ansägten. Sobald sich ein Elch an einen solchen Stamm lehnte, sollteder Baum umstürzen. Das Tier sei dann, weil es seine Beine nicht beugen könne,nicht mehr in der Lage gewesen zu fliehen.

Heute kann diese Passage allenfalls ein Lächeln hervorrufen. Doch selbstwenn die tatsächlichen Jagdmethoden der damaligen Bewohner erheblich vonCaesars Beschreibung abwichen, zeigt sie, dass diese Tiere bereits in derAntike große Faszination auslösten.

Seit der Zeit Ottos III. begann der Elchbestand in den deutschen Gebietenrapide abzunehmen. Bereits im späten Mittelalter verschwand die Art aus immerweiteren Regionen. Es wird angenommen, dass spätestens seit der Mitte des 19.Jahrhunderts in dem Gebiet, das innerhalb der heutigen Grenzen Deutschlandsliegt, keine Elche mehr vorkamen.

Östlich der Oder nahm die Geschichte einen anderen Verlauf. In Polenüberlebte der Elch, obwohl auch dort sein Bestand nach dem Zweiten Weltkriegdramatisch einbrach. Am Tiefpunkt gab es nur noch etwa 1.500 Tiere.

Der entscheidende Wendepunkt kam im Jahr 2001, als ein landesweitesMoratorium und damit ein vollständiges Jagdverbot für Elche eingeführt wurde.

Das Ergebnis war beeindruckend. Der Bestand nahm rasch zu. Nach 25 Jahrenweisen die Monitoringdaten des Polnischen Jagdverbandes eine Population vonetwa 38.000 Tieren aus. Dieser große Fortpflanzungserfolg führte dazu, dass dieElche auf natürliche Weise begannen, nach neuen Lebensräumen zu suchen. EineRichtung dieser Wanderung war der Westen – also Deutschland.

Im zivilisierten Deutschland ist kein Platz für Elche

So unterhaltsam die Geschichte Berts auch sein mag: Für viele deutscheLandwirte und Forstleute ist die Rückkehr der riesigen Paarhufer keineswegs einGrund zur Freude.

Westlich der Oder sind Wald und Feld keine wilde Landschaft, sondern einpräzise geplanter und optimierter Raum, in dem jeder Quadratmeter einerwirtschaftlichen Nutzung zugeordnet ist. Ein Elch, der ohne Mühe täglich mehrals ein Dutzend Kilogramm junger Kieferntriebe verspeist, wird dort schnell zueinem kostspieligen Eindringling, der forstwirtschaftliche Kulturen zerstört.

Wenn Elche das Gebiet Brandenburgs oder Mecklenburgs betreten, treffen siezudem auf eine Wirklichkeit, an die sie nicht angepasst sind. Statt antikerFallen erwarten sie moderne Hindernisse: ein dichtes Netz aus Schnellstraßenund Autobahnen.

Da ein Elch angesichts einer Gefahr – etwa eines herannahenden Autos –häufig mitten auf der Fahrbahn stehen bleibt, kann er für Verkehrsteilnehmer zueiner tödlichen Bedrohung werden.

Gerade die Sorgen um die Verkehrssicherheit sowie die möglichenfinanziellen Verluste in der Land- und Forstwirtschaft führen dazu, dass dieBesuche polnischer Elche in Deutschland auf so großen gesellschaftlichenWiderstand stoßen.

Bleibt Caspar David Friedrich im Museum?

Im deutschen Verhältnis zur Natur verbirgt sich ein faszinierendes Paradox.Einerseits verdanken wir gerade den Deutschen die Blüte der romantischenNaturvorstellung und den Begriff der Waldeinsamkeit – jener melancholischenSehnsucht nach dem Alleinsein in einem wilden, dichten Wald, die der BilderweltCaspar David Friedrichs so nahesteht.

Andererseits stößt die deutsche Sehnsucht nach Natur rasch auf das deutscheBedürfnis nach Ordnung, sobald sich die romantische Wildnis plötzlich inGestalt eines mehrere Hundert Kilogramm schweren Elches materialisiert.

Bert, der über Elektrozäune springt und Kühen nachläuft, ist nur so langelustig, bis er eine fremde Weide betritt und die sorgfältig geordnete Umgebungdurcheinanderbringt.

Aus Umfragen des World Wide Fund for Nature geht hervor, dass mehr als 70Prozent der Polen die Anwesenheit von Elchen in der Natur positiv bewerten. Aufder anderen Seite des Flusses, in Brandenburg, liegt die Zustimmung zurAnwesenheit dieser mächtigen Säugetiere dagegen nur bei etwa 50 Prozent.

Darin zeigt sich etwas weitaus Grundsätzlicheres: die Kluft zwischen demdeutschen Imperativ des Naturschutzes und der Rückkehr zur Natur einerseits undder tatsächlichen Bereitschaft, Wildnis zu akzeptieren, andererseits. In derBegegnung mit einem armen Elch, der niemandem etwas zuleide tun will, findetdie deutsche Romantik plötzlich ihr Ende.

Und genau hier beginnt der interessanteste Teil dieser Geschichte. Bert hatkeine Katastrophe nach Brandenburg gebracht. Er brachte lediglich ein wenigpolnisches Chaos, etwas biologische Freiheit und eine Frage mit sich: Wollendie Deutschen wirklich wilde Natur – oder nur ihr romantisches Abbild imMuseum?

Vielleicht brechen Zeiten an, in denen die Deutschen von den Polen nichtnur Improvisation lernen müssen, sondern auch die Einsicht, dass sichnatürliche Wildnis nicht immer an eine Ordnung hält.

 

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Emil Stendhal