Der Wärmeaustausch schafft ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen. Er verbindet auch dann, wenn Sender und Empfänger auf beiden Seiten der Grenze leben. Zwischen Zgorzelec und Görlitz soll die Wärme in beide Richtungen fließen und den Einwohnern eine deutliche Reduzierung der CO₂-Emissionen bringen.

Unter Beteiligung von Vertretern der Behörden sowie der für Wirtschaft und für Energie zuständigen Minister auf beiden Seiten der Grenze fand der symbolische Spatenstich für eines der außergewöhnlichsten Infrastrukturprojekte in der deutsch-polnischen Nachbarschaft statt. UNITED HEAT, ein grenzüberschreitendes Fernwärmenetz, das beiden Städten eine stabile und sichere Wärmeversorgung gewährleisten soll.
Dieses Vorhaben hat auch eine historische Dimension. Nach 1945 wurde eine Stadt durch die Grenze geteilt und in zwei getrennte Teile aufgespalten. Die Teilung des ehemaligen Görlitz in das deutsche Görlitz und das polnische Zgorzelec bedeutete nicht nur einen politischen Wandel, sondern auch eine dauerhafte Zerrissenheit des gemeinsamen städtischen Organismus. In den ersten Nachkriegsjahren war dies zudem ein ernstes infrastrukturelles Problem. Obwohl Polen und die DDR später demselben politischen Block angehörten, blieben die zwischenmenschlichen Kontakte und die konkrete Zusammenarbeit zwischen den beiden Stadtteilen lange Zeit stark eingeschränkt.
Erst nach 1989 galten Zgorzelec und Görlitz allmählich als Symbol für eine erfolgreiche deutsch-polnische Zusammenarbeit. In vielen Bereichen gelang es, dauerhafte Beziehungen aufzubauen, doch der Energiesektor blieb lange Zeit ein schwieriger Bereich. Auf beiden Seiten der Grenze herrschten nämlich unterschiedliche Denkweisen in Bezug auf Energiesicherheit, Umweltschutz und die Rolle des Staates bei der Transformation vor. In Deutschland wurde die Klimapolitik zu einem der zentralen Themen und zu einem wichtigen Bestandteil wirtschaftlicher Entscheidungen. In Polen war jahrelang die Überzeugung stärker, dass traditionelle Energiequellen, insbesondere Kohle und langfristig auch Atomkraft, die Grundlage der Sicherheit bleiben sollten.

Letztendlich waren es nicht nur Ideen, sondern auch Pragmatismus, die den Ausschlag für den Aufbruch in eine neue Ära gaben. Kommunalpolitiker auf beiden Seiten der Grenze erkannten, dass die Abkehr von fossilen Brennstoffen nicht nur ein politisches Schlagwort, sondern auch ein wirtschaftlich sinnvoller Weg sein kann. Aus dieser Überzeugung heraus entstand das Projekt eines gemeinsamen Fernwärmenetzes, das die Stärken beider Partner nutzen und im gemeinsamen Interesse der Bewohner vereinen soll.
Bei der feierlichen Einweihung des Projekts wies die Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Reiche, darauf hin, dass „durch die Verbindung der deutschen und polnischen Fernwärmenetze der Fernwärmesektor auf kosteneffiziente Weise dekarbonisiert wird“. In diesen Worten liegt der Kern des gesamten Vorhabens: Die Transformation soll praxisorientiert sein und auf realen Vorteilen basieren.
Die Projektziele sind konkret. Auf deutscher Seite, in Görlitz, sollen industrielle Wärmepumpen installiert werden, die Wärmeenergie aus dem Abwasser der örtlichen Kläranlage sowie aus dem Wasser des Berzdorfsees zurückgewinnen. Dort wird auch ein Wärmespeicher mit einem Fassungsvermögen von rund 300.000 Kubikmetern entstehen. Das darin befindliche Wasser kann dank einer entsprechenden Isolierung über viele Monate hinweg eine hohe Temperatur halten. Das System soll zusätzlich durch Power-to-Heat-Lösungen gespeist werden, also durch eine Technologie, die es ermöglicht, überschüssigen Strom in Wärme umzuwandeln.
Auf der polnischen Seite sollen Biomassekessel sowie eine Solarthermieanlage, die Sonnenkollektoren zur Erwärmung des Wassers im Netz nutzt, die Grundlage des Systems bilden. Beide Städte werden durch ein Rohrsystem verbunden, das unter dem Grund der Lausitzer Neiße verläuft. Je nachdem, auf welcher Seite Überschüsse und auf welcher Seite Engpässe auftreten, kann die Wärme in die eine oder andere Richtung fließen.

Genau das unterscheidet UNITED HEAT von vielen anderen grenzüberschreitenden Projekten. Es geht nicht um eine einseitige Abhängigkeit eines Partners vom anderen, sondern um die Schaffung eines gemeinsamen, flexiblen Systems. Wärme wird hier keine Ware sein, die vom Zentrum in die Peripherie transportiert wird, sondern eine gemeinsam genutzte Ressource. Ein modernes Heizkraftwerk und ein industrieller Energiespeicher sollen eine stabile, emissionsarme und von fossilen Brennstoffen unabhängige Versorgung beider Städte gewährleisten.
In der Praxis bedeutet Dekarbonisierung hier die Abkehr von Energiequellen, die keine Verbrennung fossiler Brennstoffe erfordern. Die Wärmeversorgung der Einwohner wird weniger anfällig für Rohstoffpreisschwankungen und geopolitische Spannungen, die Europa in den letzten Jahren schmerzlich vor Augen geführt haben, wie fragil die energetische Stabilität sein kann.
Darauf wies der polnische Staatssekretär für Klima und Umwelt, Miłosz Motyka, hin und betonte: „Dank dieses Projekts werden Polen und Deutschland gemeinsam eine stabile Wärmeversorgung sicherstellen, die Energienutzung optimieren und emissionsarme Technologien entwickeln können.“
Die Vorteile sind vielfältig. Natürlich könnte jede der Städte versuchen, ähnliche Anlagen eigenständig zu errichten, doch die Zusammenarbeit bietet sowohl finanzielle als auch technische Vorteile. Die gemeinsame Fernwärmeleitung ermöglicht es, Energie dorthin zu leiten, wo sie gerade am dringendsten benötigt wird. Das bedeutet eine bessere Auslastung der vorhandenen Kapazitäten, niedrigere Betriebskosten und eine rationellere Investitionsplanung.
Dadurch steigt auch die Widerstandsfähigkeit des gesamten Systems. Im Falle einer Störung auf einer Seite der Grenze werden die Bewohner nicht automatisch ohne Heizung dastehen, da die Wärme im Notfall aus dem anderen Teil des Netzes zugeführt werden kann.
Wie der Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien, Paweł Gancarz, betont, profitieren alle davon: „Es ist eine Investition, die zu sauberer Luft, stabilen Energiepreisen und einer stärkeren internationalen Zusammenarbeit führt.“
Mit der Zeit könnten die Vorteile dieses Modells noch größer werden. Bereits heute sollen die gemeinsame Dekarbonisierung und der Bau eines grenzüberschreitenden Fernwärmenetzes jedoch zu einer Emissionsreduktion von etwa 50.000 Tonnen CO2 pro Jahr führen. Das entspricht einer Verkehrsentlastung von etwa 28.000 PKWs. Aber vielleicht noch wichtiger ist, dass zwischen den beiden Städten, die die Geschichte getrennt hat, bald mehr als nur Energie zirkulieren wird. Es wird ein Gemeinschaftsgefühl entstehen.