In Oberschlesien wurde der 1. Mai nie zu einem Fest der Arbeitergemeinschaft. Er war vielmehr ein fremdes Ritual der sozialistischen Welt, das in der katholischen Bevölkerung der Region keinen Anklang fand. Während anderswo die Arbeiter marschierten, kehrte man hier in die Arbeiterwohnsiedlungen, Gärten und Pfarreien zurück. Über diese Andersartigkeit entschied auch … der Ziegelstein.

Als Friedrich II. der Große den Habsburgern Oberschlesien wegnahm, war es ein auf den ersten Blick wenig attraktives Land – bewaldet, landwirtschaftlich kaum erschlossen, bewohnt von einer armen Bauernbevölkerung, die von den Großgrundbesitzern abhängig war. Ihre soziale Lage war schwierig, und die feudalen Verhältnisse – zutiefst asymmetrisch.
Friedrich der Große setzte auf die Industrialisierung. Seine Entscheidungen waren politischer und strategischer Natur. Zunächst konzentrierte sich die Entwicklung entlang des Einzugsgebiets der Mała Panew, doch bald stellte sich heraus, dass sich unter der Oberfläche dieses „armen Landes“ riesige Vorkommen an Kohle, Zink und Blei verbargen. Damals gehörten sie zu den größten der Welt. Die oberschlesischen Adligen mussten die Rohstoffvorkommen nicht kaufen – sie förderten sie auf ihren eigenen Ländereien, die seit Generationen ihren Familien gehörten.
Genau hier liegt die Besonderheit der Region. Die Industrie schuf keine neue Arbeiterklasse aus dem Nichts – sie formte sie um. Die Bauern, die anfangs zu Sklavenarbeit gezwungen wurden, verließen ihre Dörfer nicht. Statt auf dem Feld begannen sie, in Bergwerken und Hütten zu arbeiten, oft weiterhin an denselben Orten wohnend. Es entstand ein Modell, das anderswo kaum zu finden ist: ein Arbeiter, der gleichzeitig teilweise Bauer bleibt. Ein kleiner Garten, ein Stück Feld, ein paar Tiere – das war kein Relikt, sondern die Grundlage sozialer Sicherheit. Aber auch eine Quelle zusätzlichen Einkommens für die aristokratischen Industriellen. Die Arbeiter erhielten Pachtland im Austausch gegen eine Kürzung ihrer ohnehin schon bescheidenen Löhne.
Die Situation änderte sich nach der Mitte des 19. Jahrhunderts radikal, insbesondere nach der Inbetriebnahme der Eisenbahnverbindung nach Berlin. Die Industrie boomte. Es wurden Arbeiter gebraucht – Tausende von Arbeitern. Der tägliche Fußweg zur Arbeit war nicht mehr möglich. Da kam eine Lösung auf, die das Landschaftsbild der Region veränderte: Arbeitersiedlungen.
Vorbilder kamen aus dem Ruhrgebiet und aus Berlin – aus Gebieten, in denen bereits zuvor Werkssiedlungen entstanden waren. Es handelte sich oft um beengte, maximal vereinfachte Bauten, häufig ohne Wasser- und Abwasseranschluss. In Oberschlesien wurde dieses Modell übernommen, jedoch deutlich modifiziert.
Als eine der ersten Realisierungen gilt die Siedlung an der heutigen Teodora-Kalidego-Straße in Königshütte, die 1798 für die Arbeiter der Königlichen Hütte gegründet wurde. Sie entstand auf Initiative der preußischen Behörden. Später wurden diese Siedlungen in unmittelbarer Nähe der Arbeitsplätze errichtet und befanden sich im Privatbesitz aristokratischer Industrieller.
Eine der Schlüsselfiguren war Albert Borsig, der in Biskupice in den Jahren 1865–1868 die Siedlung Borsigwerk schuf – eine der bedeutendsten frühen Arbeitersiedlungen. Ein Backsteingebäude, zwei Zimmer, ein gemeinsames Treppenhaus, Toiletten im Zwischengeschoss oder im Hof. Der Standard war niedrig, aber die Bauweise – solide. Wenn wir heute vor dem Arbeiterwohnheim in Zabrze-Biskupitz und dem Bergarbeiterhaus in Bochum stehen, sehen wir dieselben Fensterproportionen, denselben soliden Backstein.
Im Vergleich zu den feuchten Hütten aus Lehm und Holz, die mit Strohdächern bedeckt waren, stellten die aus gebrannten Ziegeln erbauten Siedlungen zudem einen bemerkenswerten zivilisatorischen Fortschritt dar.
Diese Siedlungen waren nicht nur „Arbeiterwohnheime“, sondern ein komplettes System: Wohnungen, Schule, Kapelle, Geschäfte und Gaststätten. Die Familoks – vom deutschen „Familienhaus“ – wurden zum Symbol dieses Systems.
Das Wichtigste war jedoch etwas anderes. In der überwiegenden Mehrheit ähnlicher landwirtschaftlicher Siedlungen im Ruhrgebiet oder in Berlin waren die Arbeiter dazu verdammt, ihre Lebensmittel ausschließlich in Geschäften zu kaufen. Und das Versorgungsniveau sowie die Preise beeinflussten die Stimmung in den Arbeiterkreisen.

Ganz anders sah die Situation in Oberschlesien aus. Diese Siedlungen wurden auf den privaten Ländereien der adeligen Industriellen errichtet. Da viel Platz zur Verfügung stand, wurden die Arbeiterwohnsiedlungen in großem Abstand voneinander gebaut, sodass jede Familie einen weitläufigen Garten haben konnte. Neben den Familoks wurden üblicherweise Wirtschaftsgebäude errichtet, die bis heute als „Chlewiki“ (Schweinehütten) bezeichnet werden. Auf diese Weise standen den Arbeiterfamilien ein Stück Ackerland und ein kleiner Stall zur Verfügung. Die in den Familoks lebenden Arbeiter hielten Hühner, Schweine und manchmal auch Kühe. Sie bauten Gemüse, Kartoffeln und Obst für den Eigenbedarf an. Das war keine Folklore, sondern ein System, das die Versorgungssicherheit garantierte.
In Krisenzeiten, als Arbeiter in anderen Regionen Preußens tatsächlich hungerten, konnten sie sich hier durch eigene Arbeit außerhalb der Fabrik über Wasser halten. Die Arbeiterwohnung war nicht nur eine Unterkunft – sie war Teil einer mikroökonomischen Überlebensstrategie.
Wenn man dazu noch die starke Verwurzelung in der katholischen Gesellschaftsordnung – die Pfarrei, den Rhythmus des liturgischen Jahres, den Einfluss der Kirche und der Zentrumspolitik – hinzufügt, ergibt sich das Bild einer Gemeinschaft, die nicht anfällig für eine Radikalisierung nach westeuropäischem Vorbild war. Konflikte gab es, die Armut war real, aber das führte nicht automatisch zu politischer Rebellion und kommunistischen Sympathien.
Deshalb waren Maikundgebungen hier eine Seltenheit und wurden allenfalls von deutschen Arbeitern organisiert, die aus anderen Teilen Preußens zur Arbeit gekommen waren. Für die Einheimischen waren sie etwas Fremdes – nicht so sehr verboten, sondern vielmehr etwas, das nicht in ihre Welt passte.
Das Paradoxe daran ist, dass derselbe Mechanismus nach 1945 erneut zum Tragen kam. Als das kommunistische System versuchte, seine politische und nationale Erzählung durchzusetzen, wurden die Arbeiterwohnsiedlungen erneut zu einem Ort des Widerstands gegen die Polonisierung. Innerhalb der Mauern dieser Siedlungen überlebten die eigenständige schlesische Sprache, die preußischen Bräuche und die Erinnerung an die eigenen Helden. Von hier aus wanderten die Menschen auch am häufigsten nach Deutschland aus. Kein Wunder, dass die Familoks von den neuen Machthabern vernachlässigt und nur sporadisch modernisiert wurden. Ihre Bewohner wurden fast bis an den Rand der Gesellschaft stigmatisiert.
In Oberschlesien setzte man auf den Ausbau von Plattenbausiedlungen, in denen die Bewahrung der preußisch-schlesischen Identität unverhältnismäßig schwieriger war.
Wie anders verlief das Schicksal ähnlicher Siedlungen in anderen Teilen Deutschlands. Die ehemaligen Backstein-Arbeiterkolonien in Essen, Bochum oder Oberhausen wurden modernisiert, und ihre Umgebung erinnert heute eher an Parks als an ehemalige Industrieviertel. Wohnungen in diesen Häusern sind zu begehrten Adressen geworden.
Auch in Oberschlesien gibt es Ausnahmen – Nikischschacht ist das beste Beispiel dafür. Doch Tausende von Arbeiterwohnsiedlungen sind nach wie vor vernachlässigt und warten auf ihre Chance.
Es lohnt sich, sie nicht nur als Denkmäler der preußischen Architektur zu pflegen, sondern als materielles Zeugnis der Erfahrung einer Gemeinschaft, die es geschafft hat, verschiedene Systeme und Ideologien zu überstehen. Vielleicht lohnt es sich, statt weiterer Wohnsiedlungen zu errichten, gerade diese Orte wieder zum Leben zu erwecken.
Eines scheint sicher: Die Bewohner der Arbeiterwohnsiedlungen werden an den Feierlichkeiten zum 1. Mai kein Interesse haben.