Bei einem sommerlichen Spaziergang erfuhr Karol Heliosz das Geheimnis um die Beziehung seiner Freundin mit ihrem eigenen Cousin. Dabei hörte er auch die Geschichte davon, wie Kasia plötzlich mit ganz anderen Augen auf die Bilder ihres Urgroßvaters mit preußischer Pickelhaube vor den Befestigungen des eroberten Fort Douaumont in Frankreich blickte - und auf die deutsche Geschichte ihrer eigenen Familie.

Gestern habe ich mich mit Kasia getroffen. Wirkennen uns eigentlich schon immer. Wir kommen beide aus Beuten, gingen auf dieselbe Schule und waren einige Jahre lang wirklich enge Freunde. Später verliefen unsere Wege ein wenig auseinander. Ich begann Journalismus zu studieren, Kasia ging nach Krakau. Heute studiert sie an der Krzysztof-Penderecki-Musikakademie. Nach der Schulzeit ist es wohl oft so: EineWeile verspricht man sich, dass sich natürlich nichts ändern wird. Und plötzlich stellt man fest, dass seit dem letzten langen Treffen ein Jahrvergangen ist.
Also verabredeten wir uns zu einem Spaziergang.
Es war ein warmer Nachmittag, und in den ersten Minuten redeten wir über alles gleichzeitig: über das Studium, Krakau, alteFreunde und unsere Pläne für die Ferien. Nur wurde unser Gespräch alle paar Minuten vom charakteristischen Ton des Messengers unterbrochen.
Kasia blickte auf ihr Handy, tippte schnell etwas und steckte es wieder in die Tasche.
Kurz darauf meldete sich das Telefon erneut.
- Da passt aber jemand gut auf, dass du dich bloß nicht zu lange mit mir unterhältst - scherzte ich.
Sie lächelte.
- Johannes.
Der Name klang so auffallend deutsch, dass ichsofort aufmerksam wurde.
- Ein neuer Freund?
Kasia begann zu lachen.
- Mein Cousin.
Also dachte ich, ich hätte die Situation falsch eingeschätzt. Wenige Minuten später meldete sich der Messenger erneut. Diesmal erschien auf dem Display das Foto eines jungen Mannes. Kasia antwortete fast sofort.
- Ihr scheint euch ziemlich nahezustehen, du und dein Cousin - sagte ich.
Sie sah mich etwas verschmitzt an.
- Weil Johannes auch mein Freund ist.
Einen Moment lang wusste ich nicht, ob sie scherzte.
- Wie bitte? Cousin und Freund?
- Ganz normal.
- Aber wirklich dein Cousin?
- Wirklich. Zweiten Grades. Unsere Großväter waren Brüder.
Damit hatte ich nicht gerechnet.
Kasia muss meinen Gesichtsausdruck bemerkt haben,denn sie fing wieder an zu lachen.
- Genau. So reagieren alle.
Und dann erzählte sie mir die Geschichte ihrer Beziehung.
Johannes lebt in München. Er wurde in Deutschland geboren und ist dort aufgewachsen. Er studiert an der Münchner Akademie der Bildenden Künste. Polnisch spricht er nicht. Kasia konnte bis vor Kurzem gerade einmal ein paar Wörter Deutsch.
Hätten sie sich einige Jahre früher kennengelernt, hätten sie vermutlich ein paar höfliche Sätze gewechselt, die ihnen jemand aus der Familie übersetzt hätte. Sie hätten sich angelächelt - und möglicher weisewäre es dabei geblieben.
Kasia kannte solche Situationen aus ihrer eigenenFamilie. Sie hatte erlebt, wie Enkel aus Deutschland mit ihren Großeltern amTisch saßen und praktisch keinen einzigen Satz miteinander wechseln konnten. Gerade für die Großeltern war das oft schmerzhaft. Die ältere Generation kam irgendwie noch zurecht. Die einen erinnerten sich an etwas Deutsch, die anderenan Schlesisch. In der Generation der Enkel war es oft deutlich schwieriger.
Dann blieben Gesten, Lächeln und die Hilfe eines Menschen, der zufällig beide Sprachen beherrschte.
Kasia hatte Johannes vorher noch nie gesehen. Sie wusste lediglich, dass die Cousine ihres Vaters einen Sohn in München hatte. Mehr nicht.
Kasias Großvater und Johannes’ Großvater waren Brüder. Johannes’ Großvater war der ältere. Als sehr junger Mann wurde erwährend des Krieges zur Luftwaffe eingezogen und kam an die Ostfront. Nach demKrieg kehrte er nicht mehr nach Schlesien zurück und ließ sich in Deutschland nieder. Sein jüngerer Bruder blieb in Beuten.
In der nächsten Generation wurden die Kontakteimmer seltener. Die Kinder und später die Enkel wuchsen bereits in völlig unterschiedlichen Lebenswelten und mit unterschiedlichen Sprachen auf. Die familiären Bindungen machten sich vor allem noch zu Weihnachten, durchgelegentliche Telefonate und durch Pakete aus Deutschland bemerkbar, auf dieals Kinder alle sehnsüchtig warteten.
Eines Tages begann Kasia zusammen mit ihrer Großmutter alte Fotografien durchzusehen. Darunter befand sich auch ein Bild vom Bruder ihres Großvaters - Johannes’ Großvater - in Wehrmachtsuniform. Er war damals etwa zwanzig Jahre alt. Auf einer anderen Fotografie entdeckte sie einen kleinen Jungen, zwei Jahre älter als sie. Johannes.
- Ich dachte damals: Mal sehen, wie er heute aussieht, wenn er schon so einen attraktiven Großvater hatte - erzählte sie lachend.
Sie griff nach ihrem Telefon. Wenige Minuten späterhatte sie Johannes auf Facebook gefunden. Ihre erste Nachricht schrieb sie auf Polnisch.
- Im Ernst? - fragte ich.
- Im Ernst. Ich habe sie übersetzen lassen und auf Deutsch geschickt. Und er hat es in die andere Richtung genauso gemacht.
Anfangs glichen ihre Gespräche offenbar eher einemAustausch offizieller Mitteilungen.
„Hallo, ich glaube, wir sind Cousin und Cousine.“
„Ja. Mein Großvater war der Bruder deinesGroßvaters.“
„Dann haben wir dieselben Urgroßeltern.“
Dann kamen die Fotos. Fragen nach Verwandten. Aufnahmen der Großeltern. Bilder von Erstkommunionen, Hochzeiten und Familienfeiern.
Aus einigen Nachrichten wurden ein Dutzend. Und aus einem Dutzend wurden tägliche Gespräche.
Die Technik erledigte für sie eine Aufgabe, für die man noch vor nicht allzu langer Zeit einen menschlichen Dolmetscher gebraucht hätte. Sie schrieb auf Polnisch, er auf Deutsch. Beide lasen die Nachrichtenjeweils in ihrer eigenen Sprache.
Nach einigen Wochen dachten sie gar nicht mehr darüber nach.
- Das Lustigste daran ist - erzählte Kasia –, dasswir eigentlich nie das Gefühl hatten, die Sprache des anderen nicht zu kennen.
Mit der Zeit begannen sie, per Video miteinander zusprechen. Anfangs etwas unbeholfen. Das Telefon war wie ein dritter Gesprächspartner, jederzeit bereit, ein Wort oder einen ganzen Satz zuübersetzen, den der andere nicht verstand.
Nach einigen Wochen fuhr Kasia nach München.
Bis zu ihrem ersten Treffen kannten sie bereitsihre Gesichter, ihre Stimmen, ihre Zimmer, ihre alltäglichen Gewohnheiten und viele ihrer Geheimnisse. Paradoxerweise wussten sie mehr von einander als manche Menschen, die sich jeden Tag an der Universität sehen.
Und trotzdem war der erste Moment von Angesicht zu Angesicht für beide ein Schock.
- Er stand vor mir, und einen Moment lang wusste ich wirklich nicht, was ich sagen sollte - erzählte Kasia. - Ich habe ihn wohl einfach mit offenem Mund angestarrt. Ich weiß nur noch, dass ich dachte: Mein Gott, was habe ich für einen gut aussehenden Cousin.
Kasia wohnte bei der Cousine ihres Vaters - Johannes’Mutter.
Sie verbrachten zwei Wochen miteinander. Sie gingen durch München, redeten stunden lang und besuchten Ausstellungen. Kasia erzählteihm von Musik, Johannes von seinen Projekten an der Akademie. Doch schon sehrbald kam ein weiteres Thema hinzu.
Alte Fotografien.
Johannes konnte ein einziges Foto lange betrachten. Als Kunststudent bemerkte er Dinge, die Kasia zuvor kaum wahr genommen hatte: die Anordnung der Personen, den Schnitt einer Uniform, den Hintergrund eines Fotoateliers, den Stempel des Fotografen, das Papier, auf dem der Abzug hergestellt worden war.
Für Kasia waren das bis dahin einfach nur alte Familienfotos gewesen.
Johannes wollte mehr wissen. Wer sind die Menschen darauf? Wann wurde dieAufnahme gemacht? Wo? Warum trägt einer ihrer Vorfahren diese Uniform? Was steht auf der Rückseite? Gemeinsam sahen sie sich die Fotografien beiderTeile der Familie an. Und plötzlich stellte sich heraus, dass die Bilder, die jahrzehntelang in Beuten und München aufbewahrt worden waren, dieselben Menschen zeigten. Ihre gemeinsame Familie.
- Wann hast du gemerkt, dass du dich in ihn verliebt hast? - fragte ich.
Kasia dachte einen Moment nach.
- Ich glaube, am Flughafen. In den ersten Minuten, als ich ihn zum ersten Mal wirklich vor mir gesehen habe.
Seit dem verbringen sie einen Teil ihrer Ferien und Feiertage gemeinsam. Mal fährt Kasia nach Deutschland, mal kommt Johannes nach Schlesien. Er lernt Polnisch, sie Deutsch. Manchmal beginnt jeder einen Satz in seiner eigenen Sprache und beendet ihn in der Sprache des anderen. Manchmal benutzen sie weiterhin einen Übersetzer.
Im Alltag lösen sie das Problem der Entfernung noch einfacher.
Wenn Kasia übt oder für eine Prüfung lernt, stellt sie ihr Telefon auf den Schreibtisch. Johannes arbeitet zur selben Zeit inMünchen an seinen Projekten. Manchmal sprechen sie eine halbe Stunde lang kein einziges Wort. Sie sehen nur, dass der andere auf der anderen Seite des Bildschirms da ist.
- Warum habt ihr die Kamera eingeschaltet, wenn ihr nicht einmal miteinander redet? - fragte ich.
Sie sah mich an, als würde ich etwas völlig Offensichtliches nicht verstehen.
- Weil wir dann zusammen sind.
Dieser Satz blieb mir im Gedächtnis.
Denn wir hören ständig, dass Smartphones Beziehungen zerstören. Dass junge Menschen nicht mehr miteinander reden können. Dass sie nebeneinander sitzen und nur auf ihre Bildschirme schauen.
Bei Kasia bewirkt der Bildschirm genau das Gegenteil. Er sorgt dafür, dass ein Mensch, der 700 Kilometer entfernt ist, mehrere Stunden lang praktisch im selben Zimmer sitzen kann.
Johannes kennt angeblich all ihre Geheimnisse. Er weiß, wann Kasia eine Prüfung hat, wann sie sich mit einer Freundin gestrittenhat, wann sie Kopfschmerzen hat und wann sie nach einem Auftritt mit sich selbst unzufrieden ist. Und sie weiß, was bei ihm geschieht.
- Ich habe nicht das Gefühl, dass er weit weg lebt -sagte sie. - Wirklich nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Menschen, die drei Straßen weiter wohnen, weiter von mir entfernt sind als Johannes.
Aber Johannes veränderte noch etwas anderes inKasias Leben. Nach ihrer Rückkehr aus München begann sie, in denFamilienalben zu stöbern.
Diesmal blätterte sie nicht einfach weiter. Sie blieb bei den Bildern stehen. Sie fotografierte sie mit dem Handy und schicktesie Johannes. Er tat in München genau dasselbe.
Auf einem der Bilder entdeckten sie ihren gemeinsamen Urgroßvater in einer preußischen Uniform aus dem Ersten Weltkrieg. Auf dem Kopf trug er den charakteristischen Helm mit Spitze - eine Pickelhaube. Er stand vor den Befestigungen des Fort Douaumont bei Verdun, das 1916 vondeutschen Truppen erobert worden war.
Früher hätte Kasia diese Seite wahrscheinlicheinfach umgeblättert.
Jetzt blieb sie bei dem Foto stehen.
Wer war der Mann auf der Aufnahme? Wo hatte ergedient? Wie war er nach Verdun gekommen? Warum trug er eine preußische Uniform? Warum war der Bruder ihres Großvaters später bei der Luftwaffe? Warum gab es zu Hause deutsche Dokumente und deutsche Gebetbücher?
Und warum hängt ihr eigener Mantel bis heute an einem alten hölzernen Kleiderbügel mit der Aufschrift: „Kleiderstoffe, Seiden, Damen-Konfektion, HugoSchüftan, Beuten O.S. Ring 16“.
Kasia kannte diesen Bügel seit ihrer Kindheit. Erst jetzt las sie zum ersten Mal wirklich, was darauf stand.
Die deutsche Geschichte ihrer Familie warschließlich nie vor ihr versteckt worden. All diese Dinge waren schon immer im Haus gewesen. Johannes löste lediglich eine ganze Kette von Fragen aus.
Zum ersten Mal begann Kasia sich ernsthaft für die schlesischen Aufstände, die Volksabstimmung, die Teilung Oberschlesiens im Jahr1922 und die Geschichte des Vorkriegs-Beuten zu interessieren. Sie wollte wissen, was den Menschen auf ihren eigenen Familienfotos tatsächlich widerfahren war.
Sie begann auf die deutschen Wörter zu achten, diedie Älteren benutzten. Auf Bezeichnungen alltäglicher Speisen, die es imPolnischen nicht gab. Auf deutsche Lieder, die am Familientisch gesungen wurden.
Sie erinnerte sich an den Geruch der Pakete, die früher zu Weihnachten geöffnet wurden, und an Dinge, die Verwandte aus Deutschland mitbrachten. Daran, welch großer, unerfüllter Traum ihres Großvaters ein Volkswagen mit einem „D“-Aufkleber gewesen war.
Kasia wusste seit ihrer Kindheit, dass alles, wasaus Deutschland kam, in ihrem Zuhause besondere Emotionen auslöste. Da war Sympathie. Manchmal sogar Sehnsucht.
Früher hatte sie einfach nie darüber nachgedacht.
Dann erinnerte ich mich wieder daran, was mich ganzam Anfang unseres Gesprächs eigentlich am meisten überrascht hatte.
- Und stört es dich wirklich nicht, dass Johannes dein Cousin ist?
Kasia zuckte mit den Schultern.
- In königlichen Familien hat sich früher schließlich auch niemand besonders darüber gewundert - lachte sie. - Und mich zieht gerade an, wie ähnlich wir uns sind. Wir haben ähnliche Gesten, wir lachen ähnlich. Sogar unsere Gesichtszüge ähneln sich, fast als wären wir Geschwister. Ich glaube, es würde mich nicht einmal stören, wenn er mein Cousinersten Grades wäre.
Als unser Spaziergang zu Ende ging, vibrierte Kasias Telefon erneut.
- Johannes? - fragte ich.
Sie nickte.
- Er wartet auf mich. Wir wollen heute zusammenlernen.
Das klang ein wenig absurd.
Sie würde gleich in ihre Wohnung in Beuten zurückkehren, während er in München saß. Zwischen ihnen lagen Hunderte Kilometer und zwei Sprachen, die keiner von beiden wirklich gut beherrschte.
Und trotzdem dachte ich, dass Kasia vielleicht recht hatte.
Für sie existiert diese Entfernung tatsächlich fast nicht.
Das Telefon kann ihnen ein Treffen, eine Berührung oder einen gemeinsamen Tisch nicht ersetzen. Aber ohne dieses Telefon hätten sie wahrscheinlich nie begonnen, mit einander zu sprechen. Sie hätten ihre Stimmen, ihre alltäglichen Gewohnheiten und ihre Geheimnisse nicht kennengelernt.
Vielleicht wäre Kasia nie nach München gefahren.
Das Telefon half Kasia nicht nur, einen Teil ihrereigenen Geschichte wiederzufinden. Es half ihr auch, den Menschen zu finden, der zum emotionalen Mittelpunkt ihrer Welt geworden ist.